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Warum es bei der Digitalisierung rumpelt

Digitalisierung im Kleinformat - Tischfeuerwerk
Bei der Digitalisierung reicht es in Deutschland nicht zum großen Feuerwerk (Bild: Maik Meid Content Fundraising).

Warum es mir mitunter schwerfällt, an die Zukunftsfähigkeit Deutschlands zu glauben, hat auch mit einem speziellen Erlebnis in 2018 zu tun. Mit einem Kollegen hatte ich eine Firma für digitale Dienstleistungen gegründet. Wir dachten, unsere GbR sei rasch ins Leben gerufen. Wie naiv! Mehrere Wochen brauchte es, bis wir die Mühlen von Gewerbe- und Finanzamt durchlaufen hatten und unser Unternehmen handlungsfähig war.

Neulich beim Finanzamt

Schlüsselerlebnis war ein Anruf beim Finanzamt. Ich dachte, den Ablauf beschleunigen zu können, indem ich eine per Brief verfasste Rückfrage der Behörde im fernmündlichen Dialog kläre. Ich nannte der Sachbearbeiterin also Aktenzeichen und Bewandtnis meines Anrufs – erwartend, dass sie unseren Vorgang in Sekundenschnelle am Bildschirm würde aufrufen können. Genau das passierte nicht. „Einen Moment bitte“, hörte ich, dann eine ganze Weile lang nichts bzw. nur Hintergrund-Gebrabbel. Die Sachbearbeiterin hatte ihren Schreibtisch verlassen, um die Akte zu holen.

Nach dem Telefonat habe ich leibhaftig die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Unfassbar: Das Finanzamt einer Millionenmetropole agiert im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert wie das Königlich Bayerische Amtsgericht.

Es hätte böse enden können

Gut, wir haben unsere Firma schließlich an den Start gebracht und mussten durch die Verzögerung keinen nennenswerten Schaden in Kauf nehmen. Aber es hätte auch ganz anders ausgehen können. Wochenlang keine Angebote und Rechnungen schreiben zu können, de facto handlungsfähig zu sein, hätte unkalkulierbare finanzielle Auswirkungen haben können. Außerdem: Wer heute eine Firma gründet, tut dies in einem zunehmend kompetitiven Umfeld. Wettbewerb verlangt schnelle Entscheidungen und Aktionen. Insbesondere Newcomer sind darauf angewiesen, rasch loslegen zu können. Warum stellen sich die Ämter nicht auf heutige Bedürfnisse ein?

Das Beispiel Smart Metering

Am Gängelband einer altbackenen und überbordenden Administration werden viele innovative Engagements ausgebremst. Diese Art höhere Gewalt war und ist – großer Schwenk – auch im Bereich Smart Metering zu beobachten: Mancher mit innovativen Ideen und großem Elan gestarteten neuen Firma ging die Luft aus. Rund ein Jahrzehnt haben Gesetzgeber und Behörden benötigt, sich auf Regeln und Standards zu verständigen, die nun, da der Rollout intelligenter Messsysteme endlich, endlich starten kann, schon wieder reformbedürftig sind. Zuletzt hing es an der Zertifizierung der Smart Meter Gateways. Dabei wurde offenkundig, dass die beteiligten Bundesbehörden nicht wirklich konstruktiv zusammenarbeiten. Es hätte effektiver, einfacher, schneller gehen können.

Man sollte dem vorliegenden Ergebnis Respekt zollen. Das tue auch ich. Ja, Smart Metering ist komplex. Und ja, IT-Sicherheit muss in der Digitalisierung höchsten Stellenwert einnehmen. Trotzdem: Wenn ich mir die Dauer der normativen Prozesse anschaue, das Ausmaß des Zeitverlustes, bin und bleibe ich fassungslos.

Der deutsche Amtsschimmel wiehert wie eh und je. Politik, Behörden und Ämter behindern die Wirtschaft auf dem Weg in digitalisierte Märkte. Siehe auch Breitbandausbau. Siehe jüngst Aufbau von 5G-Mobilkfunknetzen. Deutschland hechelt hinterher.

Was wir brauchen: von Vielem mehr und Manchem weniger

Administration 4.0 bräuchte mehr Pragmatismus, mehr Agilität, mehr Lösungsorientierung, mehr Kooperationsbereitschaft, mehr Vernetzung, weniger Ideologie, weniger Eitelkeit, weniger Silodenken – und zwar auf allen Ebenen. Das würde ich mir für 2019 und darüber hinaus wünschen. Nur dann hat Deutschland m.E. eine nachhaltig positive Zukunftsperspektive.

Gerhard Großjohann

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