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Husum Wind: Windbranche hat höchste Erwartungen an die neue Bundesregierung

Windbranche
Stellten auf der Husum Wind die Forderungen der Windenergiebranche an die Politik vor (von links): Matthias Zelinger (VDMA), Hermann Albers (BWE), Jan-Philipp Albrecht (Land Schleswig-Holstein), Prof. Dr. Jörg Steinbach (Land Brandenburg) und Heike Winkler (WAB). (Bild: Messe Husum & Congress)

Tempo, Tempo, Tempo! Selten waren die Appelle der Windbranche an die Politik so dringlich

Es war ein besonderer Tag – nicht nur für die Windbranche –, als am Dienstag die Husum Wind als Vollpräsenzmesse ihre Tore öffnete. Die deutsche Windleitmesse (läuft noch bis 17. September) ist nach der IAA in München eine der ersten Präsenz-Fachmessen, die in diesem Jahr hierzulande überhaupt stattfinden. Viele Augenpaare blicken deshalb aktuell gespannt in den hohen Norden. Funktioniert Messe unter einem strengen Hygieneregime? Das erste Zwischenfazit lautet: Ja, es ist zwar beschwerlich, sich beispielsweise überall digital registrieren zu lassen, vorgezeichnete Laufwege in den Messehallen benutzen zu müssen und durch Schutzmasken kurzatmig miteinander zu sprechen. Aber der Hunger nach persönlichem Austausch ist offenbar derart groß, dass dies von den meisten Beteiligten bei sichtlich guter Laune in Kauf genommen wird: 390 Aussteller sind vor Ort, und auch die Zahl der Messebesucher war am Auftakttag vielversprechend. „Es freut mich sehr, dass wir in der Lage sind, die Messe so abzuhalten, und es freut mich auch, dass es einen großen Zuspruch gibt“, sprach Schleswig-Holsteins Energieminister Jan-Philipp Albrecht wohl den allermeisten Teilnehmern aus der Seele.

„Husumer Appell“ formuliert Kernforderungen der Windbranche an die kommende Bundesregierung

Die Husum Wind ist in diesem Jahr mehr denn je auch eine energiepolitisch bedeutsame Veranstaltung (siehe unten Stimmen aus der Pressekonferenz). „Die Messe ist ein wichtiger Impulsgeber für die Energiewende“, sagte Albrecht bei der Auftaktveranstaltung. „Windkraft wird eine Schlüsselrolle bei der Versorgung mit grünem Strom zur Erreichung der Klimaschutzziele spielen.“ Kurz vor der Bundestagswahl veröffentlichten die nationalen Branchenverbände BWE, BEE und VDMA gemeinsam mit rund 50 führenden Windindustrieunternehmen auf der Messe mit dem „Husumer Appell“ ihre Kernforderungen an die kommende Bundesregierung. Die nächste Legislaturperiode wird klimapolitisch entscheidend werden. Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, so der Appell, muss in Deutschland der Ausbau der Windenergie prioritär und zügig vorangetrieben werden. Von Bund und auch den Ländern bräuchte es ein klares Bekenntnis zu Deutschland als Windenergiestandort, um Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze zu sichern.

Grüner Wasserstoff besonders im Fokus

Für den langfristigen Erfolg der Energiewende spielt grüner Wasserstoff als vielfältig einsetzbarer Energieträger eine Schlüsselrolle – und die Technologie entwickelt sich rasant. Für die Produktion von grünem Wasserstoff ist Windenergie die wichtigste erneuerbare Stromquelle. Daraus eröffnen sich für die Messeteilnehmer aus der Windwirtschaft Potenziale entlang neuer Wertschöpfungsketten. So bietet die Husum Wind dieses Jahr auch Unternehmen aus Bereichen wie der Herstellung von Elektrolyseuren oder Sektorenkopplung eine Plattform.

Stimmen aus der Pressekonferenz
(Statements in
Auszügen)

Jan-Philipp Albrecht, Energieminister Schleswig-Holstein:
„Wir brauchen dringend Impulse auf Bundesebene. Die jetzige Situation ist untragbar. Das müssen wir ändern. Wir müssen dafür sorgen, dass der erneuerbare Strom auch aufgenommen und transportiert werden kann. Dafür brauchen wir einen zügigen Netzausbau. Es braucht jetzt enorme Bemühungen, um den Transport nach Süden sicherzustellen, damit die Versorgung mit erneuerbaren Strom ordentlich stattfinden kann. Eigenstromnutzung und Direktvermarktung, die Frage der Verwendung von erneuerbarem Strom zum Beispiel zur Erzeugung von grünem Wasserstoff und die dafür nötigen Rahmenbedingungen, all das muss jetzt auf die Tagesordnung des Bundes. Und wir erhoffen uns natürlich in Schleswig-Holstein, dass wir noch mal einen weiteren Schub erleben werden und die Chancen nutzen können, die sich aus dieser Veränderung ergeben. Wir wünschen uns, dass der Impuls, der von der Messe ausgeht, auch in einer neuen Bundesregierung Widerhall findet.“

Prof. Dr. Jörg Steinbach, Wirtschafts- und Energieminister Brandenburg:
„Wir haben in Brandenburg zur Zeit 7,5 GW installierte Leistung, 7.900 direkt und indirekt Beschäftigte im Bereich der Windenergie, die dahinter stehende Wertschöpfung bewegt sich etwa bei 550 Millionen €. Dazu gibt es den Arbeitsplatzeffekt durch induziertes Einkommen, das erhöht sich dann auf ungefähr 25.000 Beschäftigte und fast 1,4 Mrd. Euro Wirtschaftsleistung. Wir haben im Augenblick eine verstärkte Nachfrage von Investoren, die sich in Brandenburg ansiedeln wollen. Grüner Strom wird immer mehr zu einem Faktor in dieser Diskussion.“

Hermann Albers, Präsident Bundesverband WindEnergie (BWE):
„Die Hauptforderungen im Husumer Appell entsprechen den Forderungen, die die Branche insgesamt und im Übrigen schon länger mit der Politik diskutiert. Wir brauchen mehr Schleswig-Holstein in Berlin. Denn die Energieversorgung in Schleswig-Holstein zeigt klar, dass mehr als 100 % erneuerbare Energien im Stromsektor möglich sind. Die Chemieindustrie, die Stahlindustrie, die Autoindustrie, alle haben erkannt, dass es zu ihrem Standortfaktor wird, wenn die Versorgung mit erneuerbaren Energien vorangetrieben wird, und man Produkte verkaufen kann, die CO2-frei sind. Das ist eine ganz wichtige Botschaft, und sie sollte die Politik ermutigen, schneller und straffer mit dem Ausbau voran zu gehen. Die letzten vier Jahre waren Jahre des Stillstands. Die Bundesregierung hat es erreicht, dass wir einen Rückgang in 2019 von minus 80 % erlebt haben beim Zubau. Wir haben 40.000 Mitarbeiter entlassen, von denen wir wussten, dass wir sie für den nachhaltigen Zubau in Deutschland dringend benötigen. Wir alle wissen, wie schwer es ist, in diesem Bereich die Mitarbeiter wieder zurückzugewinnen. Die wichtigsten Forderungen, die wir auch im Rahmen des Husumer Appells an die Bundesregierung richten, lauten deswegen ganz eindeutig, dass wir eine klare, verlässliche Politik brauchen, dass wir nicht ein Auf und Ab brauchen, wie wir es erlebt haben. Für die Jahre 2023 und 2024 sehen die Pläne der Bundesregierung wiederum einen Rückgang des Zubaus vor, um danach wieder anzusteigen. Das ist eine völlig unsinnige, beschäftigungsfeindliche und unverlässliche Linienführung. Was wir brauchen, ist ein Zubau von 5 GW Wind pro Jahr. Wir brauchen in einem 100-Tage-Programm – und Sie sehen daran, unsere Geduld ist nicht mehr groß – ein klares Bekenntnis von Bund und Ländern zu einem Zwei-Prozent-Flächenziel.

Die Debatte liegt aber weniger in der Problematik der Flächenbereitstellung als in den falschen Stromannahmen des Bundeswirtschaftsministers Peter Altmaier. Er hat, ohne sehr viel Sachtiefe aus meiner Sicht, in den vergangenen Jahren damit gearbeitet, dass der Strombedarf in Deutschland sinkt. Wir haben im Moment einen Bedarf von 620 Terawattstunden in Deutschland, dabei meldet die deutsche Automobilindustrie 100 Terrawattstunden Mehrbedarf an, die Flugindustrie 70 Terawattstunden, die Stahlindustrie liegt schon zu Anfang in ähnlichen Größenbereichen. Wir gehen davon aus, dass wir einen Strombedarf von 745 Terawattstunden bis 2030 haben werden. Und auch das wird nicht reichen. Wir werden deutlich mehr Strom produzieren müssen. Und all das führt zu falschen klimapolitischen Berechnungen, zu einer zu geringen CO2-Einsparung und vor allen Dingen zu einer schlechten Umsetzungspolitik. Mit solchen Falschberechnungen rechnet man erneuerbare Energien künstlich klein und auch die Zubau- und Ausbauziele klein. Das ist das, was er in den vergangenen vier Jahren betrieben hat und was die Branche schwer getroffen hat.

Und wir wollen, dass wir endlich diesen Kurs der immer länger und immer komplexer werdenden Baugenehmigungen verlassen. Wir haben mittlerweile Genehmigungsfristen von sechs Jahren und mehr. Und fast alle Parteien haben angekündigt, dass sie das auf sechs Monate verkürzen wollen. Das ist eine Aufgabe, die wir sehr, sehr schnell angehen und definieren müssen.

Brandenburg ist etwas Herausragendes gelungen mit der Ansiedlung von Tesla. Eine solche Industrieansiedlung wäre ohne eine glaubwürdige Strategie des Ausbaus der erneuerbaren Energien für Tesla gar nicht denkbar gewesen. Wir brauchen für die Windkraft jetzt einen Tesla-Effekt. Brandenburg hat gezeigt, wie es gehen kann. Das sollten wir mit der Bundesregierung zügig nacharbeiten und genauso herstellen.“

Heike Winkler, Managing Director WAB – Innovationscluster und Offshore & Onshore Windenergie-Netzwerk:
„Es geht uns darum, darauf aufmerksam zu machen, dass wir schnell handeln müssen und dass man sowohl an Land und auf See Windenergie-Anlagen baut, wir brauchen beides – und mit der Perspektive grüner Wasserstoff noch viel mehr. Wir haben schon einige Hürden mit der Offshore-Windindustrie genommen haben. Das aktuelle Ausbauziel von 40 GW stimmt uns hoffnungsvoll, das ist aber nicht automatisch die Perspektive für grünen Wasserstoff. Dafür braucht es noch deutlich mehr Raum und Möglichkeiten, grünen Wasserstoff aus Windkraft – auch auf See – zu erzeugen. Die Branche ist aktuell sehr stark unter Druck, weil wir leider zurzeit gar nicht bauen. Das wird der Energiewende nicht gerecht. Wir müssen jetzt wirklich das Maximum herausholen, um dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen.“

www.husum-wind.com

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