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Peter Zayer: „Der Smart Meter Rollout kommt einfach nicht voran“

Rollout in der Warteschleife
Peter Zayer, Geschäftsführer der VOLTARIS GmbH, Maxdorf, zum stockenden iMSys-Rollout (Bild: VOLTARIS).

„Kritik am langen Zulassungsverfahren wird immer lauter“

EB: Herr Zayer, als Chef der VOLTARIS GmbH und Vorsitzender des Lenkungskreises „Zähl- und Messwesen“ im Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (VDE|FNN) haben Sie den Finger am Puls der Entwicklung. Wann startet endlich der Rollout intelligenter Messsysteme (iMSys)?

Zayer: Eigentlich könnte es losgehen. Die Akteure haben erhebliche Vorleistungen erbracht: Marktprozesse sind beschrieben, Prozesse definiert, Verträge mit Dienstleistern geschlossen. Beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sind 26 zugelassene Gateway-Administratoren gelistet – mit abgeschlossener ISMS- und BSI-Zertifizierung sowie erheblichen Investitionen in Rechenzentren, Software und Personal. Trotzdem kommt der Smart Meter Rollout einfach nicht voran. Bisher hat noch immer kein Gateway-Anbieter ein Zertifikat erhalten. Die Kritik an dem langen Zulassungsverfahren wird immer lauter.

„gMSB leiden unter der Verzögerung“

EB: Was bedeutet das Warten für Energieversorger, Techniklieferanten und Dienstleister?

Zayer: Insbesondere die grundzuständigen Messstellenbetreiber (gMSB), d.h. Verteilnetzbetreiber und Stadtwerke, leiden unter der Verzögerung. Sie mussten aufgrund gesetzlicher Umsetzungspflichten handeln. Derzeit messen und steuern sie mit „Alternativtechnologien“, also mit Geräten und Gateways ohne BSI-Zulassung. Denn die Kunden mit PV-Anlagen und/oder Speichern mussten und müssen ja bedient werden! Je länger die Zertifizierung dauert, umso mehr nicht-zertifizierte Geräte werden eingebaut, dadurch entsteht eine „Parallelwelt“. Natürlich warten auch Gerätehersteller und Gateway-Administratoren ungeduldig darauf, dass nach umfangreichen Investitionen endlich der Geldrückfluss beginnt.

EB: Welche weiteren Implikationen hängen an den Gateways?

Zayer: Die Gateways werden dringend benötigt, um den großen Feldtest und den iMSys-Rollout starten zu können. Für die gMSB sind auch Bestandsschutz und Upgrade-Fähigkeit der Gateways der ersten Generation von großer Bedeutung. Bei vorgegebenen Preisobergrenze ist es wirtschaftlich erforderlich, dass die Gateways auch im Zielmodell verwendet werden können und damit Fehlinvestitionen vermieden werden. Weiterhin müssen die Erkenntnisse des Interimsmodells und der aktuellen Forschungs- und Schaufensterprojekte bei der Gestaltung des Zielmodells berücksichtigt werden. Insbesondere beim verstärkten Einsatz von Flexibilitäten im neuen Marktmodell mit Hilfe der iMSys kommt dem örtlichen Netzbetreiber bzw. Stadtwerk eine entscheidende Rolle zu.

EB: A propos: Was ist der aktuelle Stand bei der Entwicklung von Steuerboxen?

Zayer: In Kürze werden die ersten standardisierten Steuerboxen bzw. Steuerfunktionalitäten nach FNN-Lastenheft am Markt erhältlich sein. Damit wird es möglich, das sichere Steuern in der Praxis umzusetzen und Flexibilitäten einzusetzen.

EB: Die Bundesnetzagentur hat Anfang März angekündigt, zum 1. Januar 2020 mit einem  „Zielmodell-1“ zu starten. Ein nachvollziehbarer Schritt?

„Historische Chance, Gleichbehandlung beim Strom- und Gas-Datenmanagement herbeizuführen“

Zayer: Ja. Allerdings sollte man nicht von einem „Zielmodell-1“ sprechen, sondern von einer neuen Marktkommunikation. Der  Arbeitstitel lautet „Marktkommunikation 2020“ (MAK 2020).

Wir können davon ausgehen, dass die Messstellenbetreiber Ersatzwertbildung, Plausibilitätsprüfung und sternförmige Kommunikation fach- und sachgerecht umsetzen werden. Um diese Aufgabe vollumfänglich zu erfüllen, muss der MSB ein eigenes Backendsystem betreiben. Dessen Kosten können aber nicht innerhalb der Preisobergrenze aufgefangen werden, wie die Logik des Messstellenbetriebsgesetzes es verlangt. Eine weitere Problematik besteht in der freien Wahl des MSB durch den Anschlussnutzer, d.h. der MSB ist keine stabile Größe mehr im zukünftigen Marktmodell. Nur eine Marktrolle kann als zentrale und stabile Datendrehscheibe agieren: der Verteilnetzbetreiber als regulierter, diskriminierungsfreier Dienstleister. Auch besteht jetzt die historische Chance, eine Gleichbehandlung beim Strom- und Gas-Datenmanagement herbeizuführen.

„Digitalisierung der Energiewende sollte nicht das Schicksal anderer Großprojekte teilen“

EB: Ihr Appell an Gesetzgeber und Behörden?

Zayer: Die Digitalisierung der Energiewende mit dem Smart Meter Rollout ist ein Mammutprojekt, das nicht das Schicksal anderer deutscher Großprojekte teilen sollte! Dafür ist das Thema für die Energiewirtschaft und die Kunden zu wichtig. Eine zielorientierte Umsetzungskoordination ist jetzt entscheidend. Die Energiewirtschaft benötigt die intelligenten Messsysteme als Bausteine der Energiewende und als Chance, die Umsetzung der Digitalisierung mit optimierten Prozessen und kundenorientierten Anwendungen umzusetzen.

EB: Herr Zayer, vielen Dank für das Gespräch.

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