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EON-RWE-Deal: Kodak und Nokia lassen grüßen

E.ON-RWE-Deal
Stromerzeugung durch RWE im rheinischen Braunkohlerevier (Bild: Benita5 / Pixabay)

Oder: Mehr ist den Energieriesen nicht eingefallen?

Gemeinsame Not macht größte Rivalen zu Partnern. Wer hätte für möglich gehalten, dass EON und RWE einmal gemeinsame Sache machen? EON erhält das Vertriebs- und Netzgeschäft der RWE-Tochter Innogy. RWE andererseits übernimmt das regenerative Erzeugungsgeschäft von EON und erhält zudem 16,8 % der Anteile des neuen Partners. Respekt einflößende 20 Mrd. € soll das Revirement schwer sein.

Auf den ersten Blick sieht es sinnvoll aus: Beide konzentrieren sich jeweils auf bestimmte Aufgabenbereiche: EON auf Energievertrieb und Netzbetrieb, RWE auf Energieerzeugung. Beide sind in ihren Segmenten die absolut größten Player im deutschen Energiemarkt.

Eine zielführende Strategie? RWE hat die Hauptlast der Energiewende zu schultern und steht im Kraftwerkspark vor weiteren massiven Restrukturierungsmaßnahmen. Ob EON im Energievertrieb zukünftig Spaß haben wird, muss sich auch erst noch zeigen. Die für den Energietransport eh und je unverzichtbaren Netze sind womöglich EONs stärkstes Faustpfand, weil sie auf Dauer auskömmliche und kalkulierbare Erlöse und Gewinne garantieren. Letztlich stehen aber die Strukturen der gesamten Energiebranche durch die Wirkmacht der vier D-Kräfte (Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Digitalisierung und Demokratisierung) auf schwankendem Boden.

Schnellboot oder Supertanker?

Sind Bündelung und Konzentration adäquate Antworten auf diese Marktentwicklung? Klar, es winken Skalierungseffekte auf vielen Ebenen – wenn die Umschichtung denn geschafft ist und die Prozesse im neuen Konzernverbund funktionieren. Trotzdem ist Unternehmensgröße per se kein Wettbewerbsvorteil und keine Überlebensversicherung. Ob wendige Schnellboote oder träge Supertanker im Energiemarkt künftig das Rennen machen, ist noch nicht entschieden.

Was beim RWE-EON-Deal Skepsis schürt, ist der Umstand, dass er alten Handlungsmustern folgt. Die Protagonisten und ihr Deal erinnern an das Gebahren der alten Industriebarone an Rhein und Ruhr, die in der obersten Etage ihrer Konzernzentralen thronten und nach eigenen Regeln spielten. Wer möchte schon aus dem Paradies vertrieben werden? Und so gerät die Rochade für RWE und EON zum nächsten Verteidigungs- und Rückzugsgefecht, das aus Versäumnissen der Vergangenheit resultiert. Beiden Konzernen ist es nicht gelungen, das Navi schnell genug auf Energiewende zu programmieren. Dass ihnen die Politik mit abrupten Kehrtwendungen (u.a. beschleunigter Kernenergieausstieg) gewaltig in die Parade fuhr, steht außer Frage, Trotzdem – oder gerade deshalb? – wäre schnelleres und entschlosseneres Umsteuern allemal möglich bzw. nötig gewesen. Nach wie vor vermitteln beide Kapitäne nicht den Eindruck, als wüssten sie, wie das funktioniert. Ausgerechnet die vor anderthalb Jahren gegründete, zukunftsgewandte Innogy AG plattzumachen, mutet an wie ein schlechter Scherz. Wurde Innogy auf dem Altar der Doktrin geopfert, dass Größe alles ist?

Disruption ist allerorten

Mal generell beleuchtet: Welchen Einfluss hat Unternehmensgröße auf nachhaltige Unternehmensentwicklung? Neue Giganten wie Google, Amazon, Apple, Facebook und Co sind groß und mächtig geworden, weil sie mit revolutionären Produkten und Services neue Märkte etabliert haben. Heute sind diese Firmen in der Lage, Think-Tanks zu unterhalten oder sich neue Ideen in Form von Start-Ups  einzukaufen, um beim nächsten potentiellen Trend wieder vorn dabei zu sein. So könnte Größe tatsächlich in Zukunftsfähigkeit umgemünzt werden. Garantien gibt es dafür gleichwohl nicht. Beispiele für völliges Versagen im Zukunftsmanagement sind Firmen wie Kodak und Nokia. Beide waren extrem erfolgreich mit dem, was sie taten. Beide machte der Erfolg jedoch blind für neue technische Entwicklungen und Bedrohungen von ganz anderer Seite. Beiden fehlten Mut und Weitsicht, sich selbst zu kannibalisieren. Auch heute erleben oder befürchten viele traditionsreiche Industrieriesen unterschiedlichster Herkunft Disruption und Niedergang, weil bisherige Produkte aus der Mode kommen. Heute gilt mehr denn je: Wer nicht mir der Zeit geht, geht mit der Zeit.

Narkotikum gegen die Schmerzen der Schwindsucht?

RWE und EON lassen sich aufgrund ihres speziellen Geschäftsmodells nur bedingt mit den erwähnten Tech-Champions bzw. -Dinosauriern vergleichen. Tut man es dennoch, sind sie eher in der Nähe von Kodak und Nokia zu verorten als bei den Digital-Trendsettern. Weil die Energiekonzerne viel zu verlieren haben, verharren sie im Konservierungsmodus – obwohl sie über Mittel und Potential verfügen müssten, sich neu zu erfinden. Vielleicht tun sie’s ja noch, und genau dies ist Sinn und Zweck der Kräftebündelung. Sollte allerdings Größe vor allem um der Größe willen erzeugt worden sein, könnte sich das Tauschgeschäft als Narkotikum erweisen, das nur die Schmerzen chronischer Schwindsucht betäubt und den Blick für zeitgemäße Erfordernisse trübt. Die Marktentwicklung wird es zeigen…

Exklusiv für energie.blog

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