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Mit Big Data die Welt retten – das neue Buch von Komplexitätsforscher Stefan Thurner: „Die Zerbrechlichkeit der Welt“

Big Data
Stefan Thurner: „Den möglichen Kollaps unserer Welt abzuwenden, schaffen wir ausschließlich mit Wissenschaft und Forschung in Kombination mit Big Data." (Bild: Lukas Beck)

Big Data als Rettungsanker: „Die beste Chance für die Rettung der Welt liegt in den Daten, die wir unaufhörlich sammeln“

Prof. DDr. Stefan Thurner, einer der führenden Komplexitätsforscher Europas und Berater der österreichischen Bundesregierung bei der Bewältigung der Corona-Krise, zeigt in seinem Buch „Die Zerbrechlichkeit der Welt“, wie sich gleich mehrere komplexe Systeme, die unserer Kultur zugrunde liegen, derzeit auf sogenannte Tipping Points, also auf Kipp-Punkte zubewegen. Big Data kann helfen, sie zu erkennen und umzusteuern.

Wirtschaft, Klima, Zivilgesellschaft: „Die Corona-Krise war erst ein kleiner Vorgeschmack was passieren kann“, sagt Thurner mit Verweis auf Modellberechnungen und datenbasierte Analysen. Die Klimakrise schreite voran, die Gesellschaft sei tief gespalten und der Wirtschaft drohe ein Kollaps verheerenden Ausmaßes durch massive Umbrüche in der Digitalisierung und Arbeitswelt. In der Geschichte seien Kulturen nie aus einem einzigen Grund untergegangen, es spielten immer mehrere Faktoren eine Rolle. Ein derartiger „Multi-Kollaps“, nach dem nichts mehr so ist wie es bisher war, drohe jetzt auch unserer gegenwärtigen Kultur.

Thurner betrachtet dabei die Welt aus dem Blickwinkel der Komplexitätsforschung. „Die Welt besteht aus miteinander verwobenen, interagierenden, aufeinander einwirkenden und sich ständig verändernden komplexen Systemen wie dem Finanzsystem, dem Ökosystem oder der Zivilgesellschaft. Alle diese Systeme haben Tipping Points, die uns noch viel zu wenig bewusst sind. Überschreiten sie diese Punkte, kommt es zu irreversiblen Änderungen. Sie kollabieren.“

Digitale Kopie des Planeten als beste Überlebenschance

Doch Thurner zeigt einen überraschenden Ausweg. Für ihn liegt er nicht in einem Zurück in die Vergangenheit, sondern im Fortschritt. „Die beste Chance für die Rettung der Welt liegt in den Daten, die wir unaufhörlich sammeln, oft ohne zu wissen, warum“, sagt er.

Überall platzieren wir Sensoren, die Daten erheben und mitschreiben. Wir vermessen schon fast alles, was auf dem Planeten und in seiner Nachbarschaft vor sich geht. Wir schaffen damit eine digitale Kopie des Planeten. Während frühere Kulturen die Klippen, über die sie stürzten, erst sahen, wenn es bereits zu spät war, lernt die Wissenschaft der Komplexen Systeme gerade, anhand dieser Kopie die Tipping Points vorauszuberechnen. So kann sie auch Wege berechnen, um ihnen auszuweichen. „Es fehlt nur noch der politische Wille, das als beste Überlebenschance der Menschheit voranzutreiben“, so Thurner.

Thurner und sein Team des Complexity Science Hub Vienna haben, teilweise in Zusammenarbeit mit internationalen Forschungseinrichtungen, bereits digitale Modelle der österreichischen Volkswirtschaft oder des mexikanischen Finanzsystems gebaut. Damit lässt sich etwa berechnen, welche Bank zu welchem Zeitpunkt in welchem Ausmaß relevant für das Gesamtsystem ist, welche Folgeschäden ihr Zusammenbruch also für alle anderen Banken hätte. Mit diesen Modellen lassen sich auch mögliche Gesetze und ihre Folgen zunächst digital erproben und Steuersysteme entwickeln, die das Finanzsystem sicherer machen.

„Hoffnung, dass wir die Folgen der Klimakrise noch rechtzeitig abwenden“

„Es besteht damit Hoffnung, dass große Finanzkrisen eines Tages der Vergangenheit angehören, dass wir die Folgen der Klimakrise noch rechtzeitig abwenden und dass wir die freie, offene Gesellschaft bewahren. Zumindest ist das im Prinzip möglich“, schreibt Thurner. Mit „Die Zerbrechlichkeit der Welt“ legt er ein faszinierendes Buch vor, das den dramatischen Zustand des Planeten nüchtern analysiert, bisher unbeschriebene Möglichkeiten und Zusammenhänge zeigt und den Blick auf die Welt und Big Data verändert.

Weitere Zitate:
»Unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unser Gesundheitssystem genauso wie das Klima oder das Finanzsystem sind komplexe, dynamische Systeme. Auch wenn diese Systeme vollkommen unterschiedlich sind, haben sie eines gemeinsam: Sie kollabieren plötzlich.«
»Den möglichen Kollaps unserer Welt abzuwenden … schaffen wir ausschließlich mit Wissenschaft und Forschung in Kombination mit Big Data. Egal was es kostet, der Kollaps ist teurer. Er ist unbezahlbar teuer.«

Der Autor. Univ.-Prof. Mag. DDr. Stefan Thurner, geboren 1969 in Innsbruck, ist Physiker und Ökonom. Seit 2009 ist er Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien. Seit 2015 leitet er den Complexity Science Hub Vienna (CSH). Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zeichnete ihn als österreichischen Wissenschaftler des Jahres 2017 aus.

Stefan Thurner
Die Zerbrechlichkeit der Welt
Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand.
edition a
224 Seiten gebunden
ISBN: 978-3-99001-428-8
Preis: 24 Euro

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