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Nach Verunsicherung durch das OVG-Urteil reift im Zuge der MsbG-Initiative des BMWi die Erkenntnis: „Digitalisierung braucht Sicherheit!“

Digitalisierung braucht Sicherheit
Marco Sauer (links) und Ruwen Konzelmann von der Theben AG beobachten eine erstaunliche Entwicklung im Energiemarkt: Das OVG-Urteil zum Rollout intelligentger Messsysteme entpuppt sich als reinigendes Gewitter für die Branche, und der Rollout-Express scheint Fahrt aufzunehmen. Warum? Im Energiemarkt wächst die Einsicht: „Digitalisierung braucht Sicherheit!" (Bilder: Theben AG)

„Keine Kritik an den MsbG-Änderungen. Es wird mehr und mehr anerkannt: Digitalisierung braucht Sicherheit“

Der Eilbeschluss des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Münster vom 4. März 2021 zur Aussetzung der Allgemeinverfügung des BSI vom Februar 2020 für die Kläger hatte den Metering-Markt stark verunsichert. Doch schon zwei Monate später brachte das BMWi Klarstellungen zur Digitalisierung der Energiewende auf den Weg. Mit den geplanten Ergänzungen zur Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) hat das Bundeswirtschaftsministerium erstaunlich schnell und zielgerichtet auf den OVG-Beschluss reagiert. Wie haben die Akteure im Markt diese Achterbahnfahrt erlebt und wie bewerten sie das vorliegende Ergebnis? energie.blog (e.b) hat bei einem Hersteller zertifizierter Smart Meter Gateways, der Theben AG, nachgefragt. Ruwen Konzelmann, Head of Business Unit Smart Energy, und Marco Sauer, Head of Regulatory Affairs & Business Development der Business Unit Smart Energy, stehen Rede und Antwort. Marco Sauer: „Es setzt sich auf breiter Front die Erkenntnis durch: Digitalisierung braucht Sicherheit!“

 e.b: Herr Konzelmann, Herr Sauer, wie bewerten Sie die geplanten Anpassungen am Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), mit der die Bundesregierung auf das OVG-Urteil reagieren will?

Sauer: Mit der der MsbG-Reparatur wird passgenau auf das Urteil des OVG reagiert. Man hat sich die beanstandeten Sachverhalte aus dem OVG-Urteil vorgenommen und geschaut, wo man was zu tun hat. Das BSI beispielsweise muss seine Marktanalyse in Teilen besser begründen. Die Korrektur betrifft aber auch Dinge, bei denen das OVG eine Diskrepanz zwischen Praxis und Vorgaben des Gesetzes gesehen hat, etwa bei der stufenweisen Freigabe von Einbaufällen. Jetzt erfolgt eine Klarstellung im Messstellenbetriebsgesetz, dass das BSI genau diese Möglichkeit bekommt, nämlich stufenweise einzelne Einbaufallgruppen freizugeben.

„Erwarten Verabschiedung bis spätestens Ende Juni“

e.b: Wann rechnen Sie mit der Verabschiedung und dem Inkrafttreten der MsbG-Novelle?

Konzelmann: Die Artikeländerungen im MsbG sollen mit dem Energiewirtschaftsgesetz verabschiedet werden. Wir rechnen damit – und das ist aus unserer Sicht zwingend erforderlich –, dass die Verabschiedung noch in der aktuellen Legislaturperiode geschieht. Wir gehen von spätestens bis Ende Juni aus.

e.b: Nun haben wir eine unabhängige Justiz, vor der man sprichwörtlich – wie auch auf hoher See – in Gottes Hand ist. Das OLG Köln soll sich noch im Hauptsacheverfahren äußern. Ist das nun obsolet?

Sauer: Wenn die Beschwerdegründe geheilt sind, kann man das Verfahren aus unserer Sicht eigentlich nur noch einstellen.

„Notwendige Planungs- und Investitionssicherheit hergestellt“

e.b: Das OVG-Urteil hat großen Wirbel erzeugt, nach der Initiative des BMWi herrschen stille Erleichterung und Einvernehmen in der Sache, so unsere Wahrnehmung. Wie erklären Sie sich das?

Konzelmann: Es gab tatsächlich keine Rückfragen und keine Kritik an den Änderungen. Es gibt eine notwendige Reparatur am MsbG. Notwendige Klarstellungen im Sinne der Praxis, dass etwa Anforderungen ans SMGW tatsächlich das gesamte System, also Zähler, Gateway und Backendsystem betreffen. Funktionalitäten können nun explizit im Backend beim Administrator, umgesetzt werden. Das Gateway ist dann der sichere Kommunikationsanker, der die Funktionalität in die Anwendung bringt. Das ist sehr vorteilhaft, wenn es um Schalten und Steuern von Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen geht oder die Anbindung der Elektromobilität. Jetzt ist es nicht nur ein Gerät, das wir in den Markt bringen, sondern ein System. Außerdem soll ein Bestandsschutz für installierte Geräte vorgesehen werden. Insgesamt wird so die notwendige Planungs- und Investitionssicherheit hergestellt, die alle Akteure benötigen.

Sauer: Die Bundesregierung hat ja keine Zweifel aufkommen lassen, dass sie die Digitalisierung über intelligente Messsysteme weiter für zentral erachtet und dementsprechend handelt. Deshalb wurde ein Prozess aufgesetzt, um nach dem OVG-Urteil zu reagieren. Wichtig ist, dass hierbei keine Funktionalitäten reduziert oder sonstige Einschnitte gemacht wurden, sondern der Prozess Sicherheit schafft und zu einer Beschleunigung führen soll. Das ist extrem wertvoll, denn wir stehen in den Startlöchern, und der Bedarf ist insbesondere mit Bezug zur Netzdienlichkeit groß.

„Haben teilweise abwartende Haltung registriert“

e.B: Haben Sie die durch das OVG-Urteil entstandene Verunsicherung im Markt in den Auftragsbüchern gespürt?

Konzelmann: Ja, zumindest teilweise haben wir eine abwartende Haltung registriert, insbesondere bei kleinen und mittelgroßen Werken. Ein Kunde hat die Auslieferung ausgesetzt, weil er erst Klarheit über die Fortsetzung des iMSys-Rollouts haben wollte. Andererseits konnten wir in dieser Phase Ausschreibungen großer Versorger gewinnen können, die sich nicht haben beirren lassen und ihren Weg konsequent weiter beschritten haben. Jetzt rechnen wir mit einer weiter steigenden Dynamik beim Rollout intelligenter Messsysteme.

e.b: Durch die Verschärfung der Klimaschutzziele durch die Bundesregierung dürfte sich die Zahl der zu installierenden Geräte stark vergrößern, denn immer mehr dezentrale Erzeugungsanlagen, Ladesäulen für Elektromobile, Wärmepumpen und Stromspeicher werden per SMGW gesteuert und in die Netze integriert werden müssen. Bewegen wir uns faktisch Richtung Full-Rollout?

Sauer: BMWi und BSi erwarten in ihrem > Eckpunktepapier aufgrund all dieser Anwendungsfälle rund 15 Mio. Einbaufälle bis 2030. Diese Abschätzung liegt relativ nah am Voll-Rollout. Wenn man einmal runterrechnet, wie viele Geräte pro Jahr eingebaut werden müssen, stehen wir vor einer sehr sportlichen Herausforderung.

„Kommitment für das iMSys wird immer größer“
Digitalisierung braucht Sicherheit

Smart Meter Gateway CONEXA 3.0 von Theben.

Konzelmann: Das Verständnis bei Anbietern und Anwendern des iMsys wächst stetig. Mehr und mehr wird den Beteiligten klar, dass eine Digitalisierung des Energiesystems eine sichere Kommunikationsinfrastruktur zwingend benötigt. Auch die neuen Chancen für die verschiedenen Anwendergruppen werden immer klarer. Deshalb glauben wir, dass das Kommitment für das iMSys immer größer wird und die Dynamik beim Einbau von Systemen bereits im zweiten Halbjahr deutlich ansteigt. Wir erwarten die Rezertifizierung für unser Gateway im Juni. Im dritten Quartal 2021 werden wir dann wahrscheinlich drei Hersteller mit zertifizierten Gateways für die TAFs 9, 10 und 14 auf den Markt haben, die alle Anforderungen für eine Freigabe der entsprechenden Einbaufälle erfüllen werden. Dann kann man die wirklich spannenden Sachen mit den Geräten machen.

„Wären schlecht beraten, 15 Mio. Anlagen in einem unsicheren System zu vernetzen“

e.b: Werden die Mehrwertdienste zum Katalysator für den Rollout?

Konzelmann: Absolut. Wir arbeiten mit einem guten halben Dutzend Partnern zusammen, die verschiedenste Applikationen für unser Mehrwertmodul realisiert haben. Ganz wichtig ist hierbei zum Beispiel die EEBus-Schnittstelle, die den Weg zu Anwendungen der Eigenverbrauchsoptimierung unter Einbeziehung der Elektromobilität, der Stromspeicher und des Energiemanagement ebnet.

Sauer: Was auch auf diese Entwicklung einzahlt, und das korrespondiert mit den schnell verabschiedeten Korrekturen am MsbG: Es setzt sich auf breiter Front die Erkenntnis durch: Digitalisierung braucht Sicherheit! Wir wären wirklich schlecht beraten, wenn wir 15 Millionen Anlagen in einem System miteinander vernetzen, das nicht sicher ist. Insofern kommt jetzt auch Druck von den Anwendern, den eingeschlagenen Weg beschleunigt fortzusetzen.

„Wie die letzte Wehe vor der Geburt“

e.b: Also war das OVG-Urteil vielleicht sogar ein heilsamer Schock?

Sauer: Das lässt nicht von der Hand weisen. Jedenfalls stehen wir heute nicht schlechter da als vorher. Wir hätten dieses Intermezzo emotional nicht gebraucht, aber seitdem gehen manche Dinge schneller von der Hand.

Konzelmann: Das OVG-Urteil hat tatsächlich so etwas wie die letzte Wehe vor der Geburt ausgelöst. Das war ein Aufreger, der nochmal zusätzliche Kraft gekostet hat, aber jetzt kommt das Kind auf die Welt und wird schnell wachsen und gedeihen. Die innere Einstellung vieler in das Geschehen involvierter Menschen hat sich verändert. Wir merken: Jetzt geht es richtig los.

e.b: Herr Sauer, Herr Konzelmann, vielen Dank für das Gespräch!

www.smart-metering-theben.de

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