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Gefährdet die Ukraine-Krise die Energiewende? Glenn Rickson (S&P Global Platts) analysiert die Lage

Ukraine-Krise
Die Ukraine-Krise könnte die Energiepreise weiter treiben, sollten Sanktionen gegen Russland Realität werden. (Bild: Leestat / iStock)

Ukraine-Krise: Fragen und Antworten zum europäischen Energiemarkt

Die Ukraine-Krise bestimmt weiterhin das Tagesgeschehen. Mögliche Sanktionen gegen Russland entspinnen sich vor allem rund um das Thema Energie. Glenn Rickson, Leiter der europäischen Energieanalyse bei S&P Global Platts, beantwortet die drängenden Fragen rund um den europäischen Energiemarkt und mögliche Auswirkungen auf die Energiewende.

?: Was geschieht bei einem weiter ansteigenden Gaspreis?

!: Im Falle eines weiteren Anstiegs der Gaspreise ist Europas Flexibilität gefragt. Doch ein kurzfristiger Umschwung des europäischen Stromsektors auf einen alternativen Brennstoff ist kaum möglich. Der Preis allein kann, zumindest kurzfristig, nicht viel bewirken. Da sich die Gaspreise in den letzten sechs Monaten auf einem Rekordhoch befanden, ist jedes Kohle- oder Ölkraftwerk, das in diesem Winter in Betrieb genommen werden könnte, bereits hochgefahren worden, sodass hier nur wenig Spielraum besteht.

Kohlekraftwerke könnten wieder ans Netz gehen

?: Welchen Einfluss hätten mögliche Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise auf die Energiewende in Europa?

!: S&P Global Platts Analytics schätzt, dass in Westeuropa im Jahr 2021 9 GW Kohle, 0,9 GW Braunkohle und mehr als 5 GW Kernkraftwerke stillgelegt wurden. Im Falle einer größeren Versorgungskrise infolge einer russischen Invasion in der Ukraine müssten jedoch einige (nicht alle!) dieser Kapazitäten wieder ans Netz gehen. Eine Inbetriebnahme der stillgelegten Atomkraftwerke ist allerdings gerade in Deutschland kaum machbar, da der politische und gesellschaftliche Druck hier sehr hoch ist. Bei einigen der 2021 stillgelegten Kohlekraftwerke besteht unter Umständen dagegen mehr Spielraum für eine Wiederinbetriebnahme. Allerdings ist hier in den meisten Fällen mit einer Verzögerung von mindestens mehreren Wochen zu rechnen. Außerdem hätte dies zur Folge, sich dann auf einem begrenzten Weltmarkt mit Kohle versorgen zu müssen. In Italien und Spanien etwa sehen wir diese Entwicklung schon heute: Hier werden einige Kohlekraftwerke 2022 als Reaktion auf die hohen Gas- bzw. Strompreise wieder in Betrieb genommen.

Verlust konventioneller Kapazität und Erneuerbaren-Zubau vergrößern Flexibilitätslücke

?: Sind die enorm gestiegenen europäischen Energiepreise auch ein Resultat der Energiewende?

!: Der größte Einzelfaktor für die jüngsten Rekordpreise beim Strom ist sicherlich der Gaspreis, der auf immer neue Rekordhöhen schnellt. Aber der Abbau von Kernkraft- und Kohlekapazitäten spielt ebenfalls eine große Rolle und hat die Abhängigkeit vom Gaspreis erhöht. Denn die Fähigkeit des Sektors, auf billigere Brennstoffe umzuschwenken, ist begrenzt. Bei reiner Betrachtung der Kapazitäten übertrifft das Wachstum der erneuerbaren Energien die Stilllegung konventioneller Kapazitäten. Doch gleichzeitig vergrößert sich die Flexibilitätslücke, da kohlenstoffarme Flexibilität (dazu zählen Batteriespeicher, Biomasse, Nachfragekompensation) nicht mit dem Verlust konventioneller Flexibilität Schritt halten kann. Während also mehr erneuerbare Energien mit niedrigen Grenzkosten mittelfristig die durchschnittlichen Strompreise senken sollten, werden sie bei geringem Windaufkommen weiterhin von den Gaspreisen abhängen.

Weitere Abschaltungen von Kernkraft, Kohle und Braunkohle in den kommenden Jahren führen aus unserer Sicht dazu, dass die europäische Gaserzeugung bis Mitte dieses Jahrzehnts immer noch auf dem Niveau von 2021 oder darüber liegen wird.  Auch darauffolgende politische Maßnahmen, wie die deutlich ehrgeizigeren Wachstumsziele für erneuerbare Energien und Elektrolyse der Ampel-Koalition in Deutschland werden dazu beitragen, dass die europäischen Länder ihre Abhängigkeit von fossilem Gas erst gegen Ende dieses Jahrzehnts verringern können.

Abschaltung von 4 GW Kernergie in Deutschland stützt Gaspreisanstieg

?: Welche Rolle spielt Kernenergie im aktuellen Energiemix Europas?

!: Speziell für 2022 ist auch die Verfügbarkeit der Kernenergie ein zentrales Thema. Die Abschaltung von 4 GW in Deutschland im Dezember in Verbindung mit der hohen Zahl von Atomausfällen in Frankreich hat wesentlich dazu beigetragen, dass der europäische Stromsektor in diesem Winter Rekordgaspreisen ausgesetzt war, was wiederum die Gas- und Kohlenstoffpreise gestützt hat. Dieser Trend wird sich 2022 fortsetzen, der französische Energiekonzern EDF hat erst am 8. Februar zum zweiten Mal in diesem Jahr seine Prognose für die französische Kernenergieproduktion für 2022 gesenkt.

Über S&P Global Platts
Wir von S&P Global Platts liefern Informationen für fundierte Handels- und Geschäftsentscheidungen. Wir sind der führende unabhängige Anbieter von Informationen und Benchmark-Preisen für die Rohstoff- und Energiemärkte. Kunden in über 150 Ländern vertrauen auf unsere Expertise in den Bereichen Nachrichten, Preisgestaltung und Analysen, um den Märkten mehr Transparenz und Effizienz zu verleihen. S&P Global Platts deckt die Bereiche Öl und Gas, Energie, Petrochemie, Metalle, Landwirtschaft und Schifffahrt ab. S&P Global Platts ist ein Geschäftsbereich von S&P Global (NYSE: SPGI), der Privatpersonen, Unternehmen und Regierungen wichtige Informationen zur Verfügung stellt, damit sie sichere Entscheidungen treffen können.
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