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Forum Netz & Vertrieb: Nach der Quote ist vor der Quote

Fullhouse in Osnabrück: Auf dem Forum Netz und Vertrieb von smartOPTIMO gab es neue Rekorde und spannende Diskussionen.
Fullhouse in Osnabrück: Auf dem Forum Netz und Vertrieb von smartOPTIMO gab es neue Rekorde und spannende Diskussionen. (Bild: © smartOPTIMO)

Smart Meter Light, Vollrollout und Steuerung

20 Prozent waren erst der Anfang. Die EU-Kommission schlägt bereits höhere Smart-Meter-Quoten vor, in Deutschland drängt der Steuerrollout. Beim Forum Netz & Vertrieb von smartOPTIMO wurde zugleich darüber diskutiert, ob die Branche zusätzlich ein Smart Meter Light braucht – oder ob der Weg eher in Richtung Vollrollout führt.

Mit über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 26 Ausstellern verzeichnete smartOPTIMO beim Forum Netz & Vertrieb in Osnabrück einen neuen Rekord. Auf der Agenda standen die nächsten Schritte beim Rollout, die Steuerung, Smart Meter Light und der Vollrollout ebenso wie Flexibilitäten und neue Tarifmodelle. Damit ging die Diskussion deutlich über die Frage hinaus, wie die nächsten gesetzlichen Vorgaben erfüllt werden können.

Europa schaut bereits auf die nächsten Quoten

Geertje Stolzenburg, Fachgebietsleiterin Energiewirtschaftsrecht beim Verband BDEW, brachte aus Brüssel neue Zielmarken mit nach Osnabrück. Der Vorschlag der EU-Kommission sieht erstmals unionsweite Mindestquoten für Smart Meter vor: 50 Prozent der Letztverbraucher bis Ende 2030, 75 Prozent bis Ende 2033. Weil Deutschland beim Inkrafttreten voraussichtlich unter einer Ausstattungsquote von 30 Prozent liegen wird, würden verlängerte Fristen bis 2031 beziehungsweise 2034 greifen.

Noch ist das nicht beschlossen. Rat und Europäisches Parlament beraten den Vorschlag erst. Die Richtung ist für Stolzenburg dennoch klar: „Für uns heißt das: mehr ausrollen und schneller ausrollen.“

Der EU-Vorschlag setzt dabei eine andere Bezugsgröße an als das deutsche Messstellenbetriebsgesetz: Maßgeblich wären alle Endkunden, nicht nur die heutigen deutschen Pflichteinbaufälle.

Die Debatte wird zusätzlich dadurch kompliziert, dass derzeit mehrere Quotenlogiken nebeneinanderstehen: die geltenden MsbG-Ziele, das politische 2030-Ziel des Koalitionsausschusses, die geplanten EU-Mindestquoten und die Änderungen aus dem EEG-Entwurf.

„Die Diskussionen haben gezeigt, dass sich die Perspektive auf Smart Metering verändert“, so Dr. Fritz Wengeler, Geschäftsführer von smartOPTIMO (links), neben Sebastian Icks Bereichsleiter Unternehmensenwicklung.

„Die Diskussionen haben gezeigt, dass sich die Perspektive auf Smart Metering verändert“, so Dr. Fritz Wengeler, Geschäftsführer von smartOPTIMO (links), neben Sebastian Icks Bereichsleiter Unternehmensenwicklung.

Steuerung wird zum Engpass

Kurzfristig beschäftigt die Branche allerdings eine andere Baustelle. Seit 2025 ist der Messrollout zugleich Steuerungsrollout. Nach Auslegung des BDEW reicht bei bestimmten Einbaufällen für die Quote Ende 2026 der Einbau eines intelligenten Messsystems allein nicht aus: Auch die vorgesehene Steuerung muss funktionsfähig sein.

Genau dort hakt es. Verfügbarkeit und Interoperabilität der Steuerboxen, Testprozesse und Marktkommunikation begrenzen nach Einschätzung des BDEW derzeit das Tempo. Bleibt die Kopplung unverändert, hält der Verband die Ziele 2026 und 2028 für gefährdet.

Deshalb soll die anstehende Novelle des Messstellenbetriebsgesetzes nachsteuern. Diskutiert wird unter anderem, den Einbau für die Quote anzurechnen und die Steuerbarkeit innerhalb einer festgelegten Frist nachzuziehen. Stolzenburg erwartet hier Bewegung: „Es wird etwas zur Steuerung kommen und zu den Quoten.“

Auch Dennis Laupichler vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) drängte darauf, vom Pilotieren ins Skalieren zu kommen. Das BSI erwartet, dass grundzuständige Messstellenbetreiber ihre Steuerungspiloten 2027 und 2028 in den Massenrollout überführen. Der entscheidende Punkt liege dabei nicht mehr allein bei den Geräten: „Skalierung funktioniert nur, wenn die gesamte Prozess- und IT-Systemkette skalierbar ist.“

Braucht es daneben noch Smart Meter Light?

Mitten in diese Entwicklung fällt die Diskussion um Smart Meter Light. Gedacht ist die Lösung vorwiegend für Haushalte außerhalb des Pflichtrollouts: günstiger als ein vollständiges intelligentes Messsystem, aber kommunikationsfähig und damit beispielsweise für Verbrauchstransparenz und dynamische Tarife nutzbar.

Beim BDEW löst die Idee allerdings keine ungeteilte Begeisterung aus. Stolzenburg warnte davor, dass die Debatte um Smart Meter Light vom eigentlichen Rollout ablenken könnte. Ignorieren will der Verband die Diskussion trotzdem nicht – auch weil einige Mitgliedsunternehmen Smart Meter Light als zusätzliche Option sehen.

Viele zentrale Punkte sind noch offen: Einsatzbereich, Sicherheitsniveau, Prozesse, Schnittstellen, Kosten und Preisobergrenzen. Der BDEW stellt der Light-Idee deshalb auch die 1:n-Lösung gegenüber, bei der mehrere Zähler über ein Smart-Meter-Gateway angebunden werden. Anders als bei Smart Meter Light gibt es dafür Technik und Standards bereits.

Kai Roger Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter Energiewirtschaft beim VKU, verwies auf die wachsende Bedeutung kleiner Flexibilitäten in Haushalten – etwa Batteriespeicher, Elektroautos oder andere steuerbare Verbraucher. Aus seiner Sicht spricht das gegen eine zusätzliche Light-Infrastruktur und eher für einen weitergehenden Rollout.

Lobo plädierte deshalb dafür, einen vollständigen Smart-Meter-Rollout als Zielbild zu diskutieren. Der VKU beginne derzeit, diese Perspektive mit seinen Mitgliedern zu erörtern.

Das BSI setzt ebenfalls auf die bestehende Infrastruktur. Laupichler sieht insbesondere in der 1:n-Anbindung Potenzial, den Rollout wirtschaftlicher zu skalieren. Dabei werden mehrere moderne Messeinrichtungen über ein Smart-Meter-Gateway angebunden. Das könne Geräte-, Einbau- und Betriebskosten senken, ohne zusätzliche IT-Systeme oder neue regulatorische Strukturen aufzubauen.

Nach der Pflicht kommt die Frage: Was bringt es?

Während Verbände und Behörden über Quoten, Steuerung und Smart Meter Light diskutieren, beschäftigten sich andere Beiträge mit der Nutzung der bereits aufgebauten Infrastruktur.

Sören Patzack, Partner bei BET Consulting, beschrieb diesen Wechsel in der Abschlussdiskussion recht anschaulich. Im vergangenen Jahr habe es vor allem geheißen: Quote schaffen, Anforderungen erfüllen, Systeme einführen. Nun laute die Frage eher: „Jetzt haben wir hier die Daten, super, 20 Prozent geschafft, erstmal ein bisschen durchatmen – was machen wir damit denn eigentlich?“

Gemeinsam mit SWO Netz hatte BET Consulting 22 Anwendungsfälle eines weitergehenden Rollouts untersucht. Einen großen ‚Killer-Use-Case‘ fanden die Projektpartner nicht, dafür viele kleinere Hebel: weniger Klärfälle, bessere Daten, effizientere Prozesse. Patzack sprach von Potenzial in der „Grabenarbeit“ – also dort, wo sich im Tagesgeschäft viele kleine Verbesserungen addieren.

Von Kleinflexibilitäten zu neuen Tarifen

Wie sich Kleinflexibilitäten in neue Stromprodukte übersetzen lassen, zeigten Thies Stillahn von Exnaton und Manuel Lösch von InnoCharge. Im Mittelpunkt standen sogenannte Kleinflexibilitäten: Elektroautos, Heimspeicher, Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen, deren Verbrauch oder Erzeugung auf Marktpreissignale reagieren kann. Entscheidend sei, diese Flexibilitäten nicht einzeln, sondern in großer Zahl zu bündeln und mit passenden Stromprodukten zu verbinden.

Je nach Ausstattung mit Elektroauto, Speicher, PV oder Wärmepumpe bezifferte Lösch den technisch erschließbaren Flexibilitätswert auf rund 200 bis 1.500 Euro je Kunde und Jahr. Bei größeren Kundenportfolios könne daraus entsprechend ein erheblicher Wert entstehen. Voraussetzung sei allerdings, Optimierung und Handel ebenso zu beherrschen wie die Kommunikation mit den Anlagen, Abrechnung und Kundenzugang.

Stillahn zeigte zugleich, wie unterschiedlich solche Produkte ausgestaltet werden können: vom dynamischen Tarif über pauschale Flexibilitätsvergütungen bis zu Prosumer- oder lokalen Tarifmodellen. Die eigentliche Hürde liege häufig erst danach in den Prozessen. Gerade komplexere und dynamische Produkte ließen sich in bestehenden Abrechnungssystemen noch nicht so einfach skalieren wie klassische Standardtarife.

Stadtwerke Flensburg entscheiden sich für den Vollrollout

Die Stadtwerke Flensburg haben Pflicht- und Vollrollout gegeneinander gerechnet. Das Ergebnis: Trotz höherer Investitionen sieht das Unternehmen über die Laufzeit Vorteile beim Vollrollout.

Dazu kommen Effekte, die in einer reinen Wirtschaftlichkeitsrechnung nur teilweise auftauchen. Prozesse lassen sich nach Einschätzung der Stadtwerke vereinheitlichen, unterschiedliche Gerätelandschaften reduzieren und die Gateway-Infrastruktur auch für weitere Sparten einsetzen.

Die Entscheidung fiel deshalb zugunsten des Vollrollouts. Einfach wurde die Umsetzung dadurch allerdings nicht. Thorsten Weber von den Stadtwerken Flensburg berichtete, dass der geplante Hochlauf zunächst gebremst werden musste: Einbauprozesse, Schnittstellen und IT-Systeme konnten noch nicht alle vorgesehenen Fälle abbilden.

Der Smart Meter ist nicht das Produkt

Auch Sebastian Korstick, Vertriebsleiter der Stadtwerke Essen, nahm den Blick vom Gerät weg. Für den Vertrieb sei der Smart Meter selbst kein Produkt, sondern Infrastruktur, auf der Produkte aufsetzen können. Korstick bezeichnete sie in der Diskussion sogar als „Geschenk“.

In diese Richtung ging auch die Diskussion bei Exnaton und InnoCharge: Erst wenn Messwerte, Steuerbarkeit, Abrechnung und Kundenschnittstelle zusammenspielen, können aus Flexibilitäten tatsächlich Tarife und Angebote werden. Lösch verwies zudem auf einen Vorteil klassischer Stadtwerke gegenüber neuen Wettbewerbern: die Präsenz vor Ort und den direkten Kundenkontakt bei erklärungsbedürftigen Produkten.

Abschlussdiskussion

Abschlussdiskussion zur Frage, wie sich Stadtwerke zwischen Digitalisierung, wachsendem Wettbewerb und neuen Geschäftsmodellen aufstellen sollten.

Weniger Baustellen, mehr Fokus

In der Abschlussdiskussion „2030 – Engpass oder Enabler? Wie Stadtwerke Netz & Vertrieb jetzt neu denken“ mit Moderator Rudi Zwick, Leiter Netzwerk & Beratung bei smartOPTIMO, ging es um die Frage, wie sich Stadtwerke zwischen Digitalisierung, wachsendem Wettbewerb und neuen Geschäftsmodellen aufstellen.

Sören Patzack von BET Consulting warnte dabei vor zu vielen parallelen Projekten. „Man muss sich die ein, zwei Sachen raussuchen und die dann mal komplett machen.“ Statt gleichzeitig an zahlreichen Themen zu arbeiten, sollten Unternehmen einzelne Use Cases auswählen und konsequent umsetzen.

Sebastian Korstick von den Stadtwerken Essen setzte einen anderen Akzent: Entscheidend sei die Perspektive des Kunden. Dabei könnten Ideen auch aus Bereichen kommen, die bei Strategieprojekten nicht immer zuerst gefragt würden – etwa aus dem Kundenservice. Kleine Teams sollten Verantwortung bekommen, Lösungen ausprobieren und anschließend entscheiden, ob sich ein Ansatz skalieren lässt oder nicht.

Franz Süberkrüb von den Stadtnetzen Münster rückte die Kommunikation in den Vordergrund. „Man kann nicht genug kommunizieren.“ Mitarbeitende ebenso wie Kundinnen und Kunden müssten bei den Veränderungen mitgenommen werden.

Fazit

Zum Abschluss blieb der Eindruck einer inhaltlich sehr dichten Veranstaltung mit vielen konkreten Einblicken aus Regulierung, Technik und Unternehmenspraxis. Die Themen reichten vom weiteren Smart-Meter-Rollout über Steuerung und Vollrollout bis zu Flexibilitäten, Tarifen und neuen Geschäftsmodellen.

„Es geht längst nicht mehr nur darum, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Die Unternehmen beschäftigen sich zunehmend damit, wie sie die aufgebaute Infrastruktur für Netz, Vertrieb und neue Produkte nutzen können“, sagte Dr. Fritz Wengeler, Geschäftsführer von smartOPTIMO. Und weiter: „Genau dafür ist das Forum gedacht: unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und aus regulatorischen, technischen und wirtschaftlichen Anforderungen gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Stadtwerke müssen diese Aufgaben nicht alleine lösen. Kooperation und der Austausch im Netzwerk werden mit jeder neuen Rollout-Stufe wichtiger.“

Eine Fortsetzung ist bereits terminiert: Vom 20. bis 22. September 2027 trifft sich die Branche erneut bei den smartOPTIMO Netzwerktagen in Osnabrück.

 

smartOPTIMO GmbH & Co. KG

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