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„Der Energiemarkt darf nicht auf eine Atempause hoffen“ – visionäres Interview mit Folkert Wilken (†) aus dem Jahr 2011

Folkert Wilken

Nach kurzer, schwerer Krebserkrankung ist Folkert Wilken, Hauptgesellschafter und langjähriger Geschäftsführer der Wilken Software Group, am 26. Dezember 2021 im Alter von 58 Jahren verstorben. (Bild: Conne van d' Grachten)

Zehn Jahre später noch aktuell: Folkert Wilken analysiert 2011 die Zukunft der Energiewirtschaft

Im September 2011 interviewte Uwe Pagel für die Fachpresse den damals wenige Monate zuvor zum Geschäftsführer der Wilken Software Group berufenen Folkert Wilken. Dieses Interview zehn Jahre nach seinem Entstehen zu lesen und an der Marktentwicklung zu spiegeln, ist höchst aufschlussreich. Die Lektüre zeigt: In Folkert Wilken hat die Energiebranche einen meinungsstarken Visionär und Vordenker verloren. Hier der Text:

?: Unbundling und Regulierung haben den Software-Unternehmen in den letzten Jahren viel Arbeit beschert. Mit WiM sind die meisten Anbieter auf der Zielgeraden. Glauben Sie, dass es nun eine kleine Atempause gibt?

!: Nein, davon gehe ich nicht aus. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass der Version 1 eines Marktprozesses schnell die Versionen 1.1 und 1.2 folgen. Diese Änderungen wirken sich dann wiederum auf die weiteren Marktprozesse aus. Zudem ist mit dem neuen EnWG und der völlig durcheinander geratenen Einführung der Kooperationsvereinbarung KOV 4 für den Gasmarkt neuer Anpassungsbedarf entstanden, der in kürzester Zeit umgesetzt werden muss. Deswegen wird der Markt auf keine Atempause hoffen dürfen.

?: Was bedeutet das für den Anwender?

!: Der Anwender in den Versorgungsunternehmen muss sich weiterhin auf ständige Veränderungen in den Abläufen einstellen. Und die Software-Anbieter werden angesichts der Fülle von Aufgaben weiterhin kaum hinterherkommen, diese Änderungen beim Anwender zu implementieren – denn so viele Mitarbeiter, wie man dafür bräuchte, sind derzeit am Markt gar nicht verfügbar. Ich denke, hier spreche ich für alle Unternehmen der Branche: Es gibt derzeit wohl kein Unternehmen, das nicht händeringend nach guten Leuten sucht.

?: Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?

!: Es gibt mehrere Ansätze: Einer heißt Flexibilität. Künftig müssen die Software-Lösungen sehr viel flexibler anpassbar sein, vor allem auch hinsichtlich der sich ständig verändernden Geschäftsprozesse. Die heutigen Lösungen wurden fast alle in den 90-er Jahren entwickelt und sind deswegen nicht prozessorientiert, sondern modular nach einzelnen Funktionsbereichen getrennt. Die Abläufe sind nur mit größerem Aufwand anpassbar. Hier wird es in den kommenden Jahren eine Veränderung geben müssen.

?: Über Prozessorientierung zu reden ist das eine, sie umzusetzen etwas ganz anderes. Schließlich baut man eine Software-Lösung nicht von heute auf morgen neu. Und Sie sind ja mit gleich zwei Branchenlösungen auf dem Markt.

!: Wir haben uns deswegen in den letzten anderthalb Jahren eine komplett neue Entwicklungsplattform geschaffen, mit der wir solche prozessorientierten Lösungen schnell und einfach realisieren können. Diese neuen prozessorientieren Anwendungen können zudem in die bestehenden Lösungen integriert werden, sowohl in Wilken Energy als auch in die NTS-Suite. Auf diese Weise können wir beide Welten schrittweise in prozessorientierte Systeme umwandeln. Die erste Phase ist bereits abgeschlossen: Mit einer neuen Billing-Engine haben wir eine Ergänzung für unsere beiden herkömmlichen Abrechnungslösungen geschaffen, mit der wir all die neuen Abrechnungsanforderungen abbilden können, die durch die neue „smarte“ Welt der Energie im Entstehen sind.

?: Die Abrechnung an sich hat in den letzten Jahren ja weniger im Zentrum des Interesses gestanden, es wurde viel mehr über Marktkommunikation und Energielogistik geredet. Ändert sich das nun wieder?

!: Es könnte durchaus sein, dass das Thema Abrechnung eine regelrechte Renaissance erlebt. Einerseits werden die Energiewende und das „Smart Grid“ völlig neue Tarifierungen für Strom und Gas erzeugen, wie z.B. die Strom-Flatrate mit Preissanktionen bei Überschreitung einer vereinbarten Leistung – auch im Privatkundenbereich. Andererseits müssen künftig neben Strom, Gas, Wasser und Wärme auch ganz andere Dinge abgerechnet werden: beispielsweise neue Dienstleistungen, Einspeisungen durch dezentrale Erzeugungsanlagen oder das gesamte Thema eMobility. Speziell die Stadtwerke werden sich in den kommenden Jahren ganz neu positionieren und auch ganz neue Geschäftsfelder erschließen. Und all das muss am Ende natürlich abgerechnet werden.

Wir sind über die Technischen Werke Friedrichshafen ganz aktuell am T-City-Projekt beteiligt, wo viele dieser Dinge ausprobiert werden. Auch dort spielt das Thema Abrechnung eine zentrale Rolle. Wichtig ist dabei aber immer die Prozessintegration. Denn die Datenflüsse werden künftig durchgängig und bidirektional verlaufen. Und sie werden auch nicht am Zähler enden. Denn über Smart Home lässt sich beispielsweise die Steuerung einzelner Verbraucher wie die Heizung im Haushalt ebenso in die Prozesse einbeziehen wie die dezentraler Erzeuger – von der Photovoltaik-Anlage auf dem Dach bis hin zum BHKW. Vielleicht werden wir eines Tages auch die separate Abrechnung von einzelnen Haushaltsgeräten sehen.

?: Das bedeutet doch auch, dass die Prozesse immer komplexer werden. Kann das ein kleines Stadtwerk überhaupt beherrschen?

!: Kleine, aber auch mittelgroße Stadtwerke stoßen schon heute an ihre Grenzen, wenn sie alle Prozesse vollständig beherrschen wollen. Nehmen wir beispielsweise WiM, die Wechselprozesse im Messwesen: Das ist ein hochkomplexer Prozess, der die Unternehmen vor extrem große Herausforderungen stellt. Deswegen gewinnt das Thema der Auslagerung von Prozessen – auf neudeutsch: Business Process Outsourcing bzw. BPO – zunehmend an Bedeutung. Der Vorteil: Das Unternehmen spart nicht nur die Investitionen in die IT und den Aufbau des entsprechenden Know-hows. Zudem können solche Angebote auch nutzungsorientiert abgerechnet werden, etwa fallweise. Bei einem Prozess wie WiM, wo es sicher zunächst nicht massenweise zu Wechselprozessen kommen wird, ist das sicherlich ein echter Vorteil. Auf diese Weise kann man auch andere Prozesse komplett extern abwickeln – von der Marktkommunikation bis hin zur Abrechnung.

Wichtig ist es dafür natürlich zunächst, das eigene Unternehmen genau zu durchleuchten und zu analysieren, bei welchen Prozessen eine Auslagerung Sinn macht und bei welchen nicht. Wenn man dieses Instrument sehr bewusst einsetzt, kann man so seine Wettbewerbsfähigkeit in jedem Fall stärken, denn man kann sich als Unternehmen ganz auf die Prozesse konzentrieren, mit denen man Geld verdient. Wir haben aus diesem Grund ein entsprechendes Angebot aufgebaut, das übrigens auch kurzfristig abgerufen werden kann. Etwa wenn es gilt, liegengebliebene Stapel von Altfällen abzuarbeiten.

Die für unsere Kunden wichtige Reduzierung der Komplexität wollen wir aber auch innerhalb unserer Software durch verstärkte Prozessautomatisierung, bessere Orientierung durch Workflow-gestützte Aufgabenbearbeitung und die Einfügung von „Vertriebs-Intelligenz“ erreichen. Unter Letzterem verstehen wir z.B. die Bereitstellung von standardisierten Data-Mining-Tools inklusive der Einspielung externer Zusatzdaten, oder auch eine gebiets- und tagesscharfe, wettbewerbsorientierte Preiskalkulation.

?: Wie sieht die Zukunft aus? Werden Energieversorger künftig alles extern abwickeln lassen, werden Sie Ihre Software überhaupt noch verkaufen können, oder kommt am Ende alles aus der vielzitierten Cloud?

!: Sowohl als auch: Outsourcing ist beispielsweise schon ein sehr altes Konzept, das wir auch seit Jahren mit unserem Rechenzentrum anbieten. Dies wird es in Zukunft weiter geben. Unter anderem auch in Form von „Managed Services“: Hier behalten die Versorgungsunternehmen die gesamte IT im eigenen Haus – und damit auch die vollständige Kontrolle über die Daten – die gesamte IT-Infrastruktur wird in diesem Falle aber durch uns betrieben, administriert und gewartet. Von dort aus ist es dann tatsächlich nur noch ein kleiner Schritt in die Cloud, denn auch diese kann sowohl im Unternehmen als auch extern betrieben werden. Wie beim Business Process Outsourcing wird beim Cloud-Computing die Software nicht mehr gekauft oder gemietet. Man bezahlt vielmehr für die Nutzung, also beispielsweise für die Anzahl der Abrechnungen. Wir haben uns auf alle diese Entwicklungen eingestellt und die nötigen Infrastrukturen aufgebaut. Und wir werden das Angebot in diese Richtung weiter ausbauen, etwa mit unserem neuen Rechenzentrum. Das wird ein wichtiges Kernstück unseres Neubaus in Ulm, den wir bis Ende 2012 beziehen werden.

Nachruf der Wilken Software Group:

„Folkert Wilken hat das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren konsequent auf die Herausforderungen der digitalen Transformation ausgerichtet und den Übergang vom rein familiengeführten Betrieb zu einer wachstums- und zukunftsorientierten Organisation gestaltet. Sein Tod ist ein ebenso unerwarteter wie unheimlich schmerzender Verlust. Denn mit ihm verlieren wir einen Menschen, der große Visionen mit ganz pragmatischen Umsetzungsstrategien verbinden konnte und deren Umsetzung auch vehement verfolgte“, erklärt Dominik Schwärzel, CEO der Wilken Software Group. Vor genau einem Jahr hatte sich Folkert Wilken aus der operativen Geschäftsführung der Wilken Software Group zurückgezogen, um sich verstärkt der strategischen Ausrichtung des Unternehmens zu widmen. Aber auch, um mehr Zeit für seine privaten Interessen zu gewinnen, wie etwa die Kunstgeschichte, seine Begeisterung für den Schwarzwald oder seine landwirtschaftlichen Aktivitäten in der Toskana.

Folkert Wilken war bereits in den 80-er Jahren als Entwickler ins väterliche Unternehmen eingestiegen. Dabei zeichnete er sich ab Anfang der 90-er Jahre für die Entwicklung einer neuen Software-Generation mitverantwortlich, die das Ende der Großrechner-Ära einläutete. Im Jahr 2000 verließ er das elterliche Unternehmen und machte sich mit einer eigenen Software-Firma selbstständig, die sich auf das Finanzmanagement von Nichtregierungsorganisationen weltweit spezialisierte. 2010 übernahm er die Geschäftsführung der Wilken Software Group und leitete einen Transformationsprozess ein, der das Unternehmen technologisch, wie strukturell für den digitalen Wandel fit machen sollte. „Seine Entscheidung, eine neue Software-Generation auf Basis einer eigenen Entwicklungsplattform namens P/5W zu entwickeln, steht beispielhaft für seinen Grundsatz, sich niemals abhängig von den IT-Riesen dieser Welt machen zu wollen. Damit hat er die technologische Basis geschaffen, auf der wir nun die weiterhin erfolgreiche Zukunft des Unternehmens bauen können“, beschreibt Dominik Schwärzel eine der wegweisenden Ideen Folkert Wilkens.

Daneben sorgte er mit den Strategieprozessen „ProjectOne“ und „ProjectTwo“ dafür, dass die Fixierung auf den „Familienunternehmer“ durch eine moderne Unternehmenssteuerung abgelöst wurde. Parallel dazu richtete er die Wilken Software Group konsequent auf die wesentlichen Zielbranchen wie die Versorgungswirtschaft, gesetzliche Krankenkassen sowie kassenärztliche und kassenzahnärztlich Vereinigungen, die Kirchen, die Sozialwirtschaft oder den Tourismus aus, in denen Wilken heute vielfach zum Marktführer geworden ist. In seiner Zeit als Geschäftsführer wuchs die Zahl der Mitarbeiter von 350 auf mehr als 600; neue Standorte in Hamburg, Stralsund sowie im spanischen Gijon wurden eröffnet.

Neben der Digitalisierung lag Folkert Wilken stets die nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens besonders am Herzen. Das reichte von der Demeter-Zertifizierung, die das Wilken Casino als erstes Betriebsrestaurant weltweit erhielt, über die technische Ausrüstung des neu gebauten Firmensitzes mit eigenem Blockheizkraftwerk und Klima-Optimierung bis hin zur Installation eines Nachhaltigkeitsmanagements, über das die Unternehmensgruppe schon in den nächsten Jahren klimaneutral gestellt werden soll. „Für Folkert Wilken galt der Grundsatz ‚Aufgeben gibt’s nicht!‘. Er hat dafür gesorgt, dass unser Unternehmen heute solide, profitabel, innovativ und vielfältig aufgestellt ist. Mit ihm verlieren wir aber nicht nur den Unternehmer Folkert Wilken, sondern einen Visionär und vor allem einen Freund“, so Dominik Schwärzel.

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