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Die Politik lässt die Wasserstoffwirtschaft nicht von der Leine

Wasserstoffwirtschaft
beyondgas2022: Branchentreff der Wasserstoffwirtschaft im Oldenburger Schloss. Blick in den großen Saal, wo die Key-Note-Sessions abgehalten wurden. (Quelle: Gerhard Großjohann)

Die Wasserstoffwirtschaft ist bereit für den Hochlauf, doch die Politik agiert (mal wieder) im Schneckentempo und verfolgt verquere Pläne

Von Gerhard Großjohann

Wasserstoff

Darüber, dass Wasserstoff in der künftigen Energieversorgung unverzichtbar sein wird, gab es auf dem Kongress beyondgas2022 in Oldenburg keine zwei Meinungen. „Wasserstoff kann eine wesentliche Rolle bei der Dekarbonisierung spielen“, sagte etwa Tobias Moldenhauer von der EWE Gasspeicher GmbH. Manchem gilt Wasserstoff aufgrund seiner vielseitigen Einsatzmöglichkeiten gar als „Schweizer Taschenmesser der Dekarbonisierung“. Was in Oldenburg mehr als deutlich wurde: Die Branche ist upstream, midstream und downstream – also entlang der gesamten Prozess- und Wertschöpfungskette – dabei, die Basis für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft zu legen. Doch von Aufbruchsstimmung war in Oldenburg nicht viel zu spüren. Der Grund: Die Politik in Brüssel und Berlin lässt die Branche nicht von der Leine. Es fehlen nach wie vor regulatorische Leitplanken. Und das, was an Regeln aktuell diskutiert wird, löst bei den Akteuren großenteils Kopfschütteln aus.

Beispiel Wasserstofferzeugung: Martin Altrock von der Kanzlei Becker Büttner Held berichtete über den delegierten Rechtsakt, mit dem die EU-Kommission ihre Ziele Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit von russischen Brennstoffen und Klimaschutz vorantreiben will – eigentlich. De facto aber ist das Ausbremsen eines schnellen Hochlaufs der grünen Wasserstoffwirtschaft zu befürchten. Abgesehen davon, dass sich das EU-Verfahren zu einer quälenden Hängepartie entwickelt hat (Thyssengas-Chef Dr. Thomas Gößmann: „Was wir nicht haben, ist Zeit!“), verheißt die entstehende Verwaltungsvorschrift der EU-Kommission wenig Marktdynamik.

Kontraproduktive Spielregeln für die Erzeugung grünen Wasserstoffs?

Welche Voraussetzungen werden diskutiert?

  • Unstrittig ist, dass grüner Wasserstoff ausschließlich aus erneuerbaren Energien hergestellt werden darf, wobei Herkunftsnachweise belegen sollen, dass diese Anforderung erfüllt wird.
  • Systemdienliche Fahrweise: Angestrebt wird ein flexibler Betrieb des Elektrolyseurs als Ergänzung zur volatilen Stromerzeugung aus Windkraft und Photovoltaik. Hier steht die Frage zur Diskussion, ob die Wasserstofferzeugung ausschließlich gleichzeitig mit der Produktion überschüssigen Wind- und/oder Solarstroms zu erfolgen hat. Mit dieser Frage eng verknüpft ist die Auslastung des Elektrolyseurs und damit dessen wirtschaftlicher Betrieb, aber auch der Aspekt, dass ja in Summe immens viel Wasserstoff benötigt wird.
  • Räumliches Kriterium: die Standorte von Stromerzeugung und Elektrolyseuren sollen so nah beieinander sein, dass ein zusätzlicher Netzausbau oder zusätzliche Stromnetzengpässe wegen der Wasserstofferzeugung ausgeschlossen werden können. Daraus würde eine Konzentration der Wasserstoffproduktion insbesondere in windreichen Regionen resultieren und die Notwendigkeit, dass dann der erzeugte Wasserstoff zu den Verbrauchern transportiert werden muss.
  • Zusätzlichkeit: Strom für die Wasserstoffgewinnung soll nur aus zusätzlichem grünem Strom erzeugt werden (zusätzlich im Sinne von: Strom aus neuen Anlagen), um nicht den Grünstromeinsatz an anderer Stelle zu reduzieren. Ein echter Bremsklotz für den Wasserstoffhochlauf, weil insbesondere der Bau von Windparks in Deutschland mit langen Genehmigungszeiten einhergeht. Dabei werden in Deutschland seit Langem große Mengen nicht verwertbaren Stroms aus Wind und Sonne in Deutschland abgeregelt, wie Tobias Moldenhauer darlegte. 2019 und 2020 warten dies allein beim Wind jeweils mehr als 6.000 Gigawattstunden.

Aktuell ist all dies noch nicht beschlossen, die Marktakteure empfehlen unisono marktdienliche und realitätsnahe Modifikationen der restriktiven Entwürfe. Doch ob es dazu kommt, ist ungewiss.

„EU-Gasmarktpaket vernichtet Synergien“
Wasserstoffwirtschaft

(Quelle: Thyssengas)

Dr. Thomas Gößmann (Bild), Chef des Gastransportnetzbetreiber Thyssengas GmbH und Vorstandsvorsitzender des FNB Gas, beleuchtete in seiner Key-Note-Session die Seite der Regulierung zukünftiger Wasserstofftransporte im heutigen Gastransportnetz und sparte nicht mit klaren Worten: „Das EU-Gasmarktpaket vernichtet Synergien und ist nicht verhältnismäßig. … Die deutsche Übergangsregulierung für Wasserstoff bietet keine klaren Rahmenbedingungen. … Die Politik ist der Hemmschuh. … Wir müssen die Dringlichkeit in Brüssel verdeutlichen.“

Wie gehen die Akteure mit dieser Situation um? Sie lassen sich nicht entmutigen! Lukas Vogel von der Deutschen Energie-Agentur vermittelte u.a. einen Überblick der zahlreichen Wasserstoffprojekten und Initiativen. Zentrale und dezentrale Erzeugungsprojekte werden laut Vogel gleichermaßen benötigt. Dr. Thomas Gößmann sagte für die Gasnetzbetreiber: „Wir bereiten den Wasserstoffhochlauf vor, weil wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen. Wir lassen uns nicht von unserem Ziel abbringen.“ Helmie Botter, Managerin im Bereich Business Development Hydrogen bei Gasunie New Energy, appellierte an die Zusammenarbeit in Europa: „Wir können es nicht allein schaffen, let’s connect!“

Wasserstoffwirtschaft

Der beyondgas2022-Kongress bot den Teilnehmenden viel Zeit und Raum zum Austausch und zum Netzwerken – wie hier im Oldenbuirger Schloss, in einem Zelt im Schlosshof und während der Abendveranstaltung in der City. (Quelle: beyondgas)

Wasserstoff-Community ist quicklebendig

Genau dies ist Sinn und Zweck der Beyondgas-Konferenz: Verbindungen unter den Akteuren schaffen, Informationen teilen, Botschaften an die Politik senden – und damit den Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft vorantreiben. In insgesamt über 40 Impulsvorträgen, Keynote-Sessions, Diskussionsrunden und Fachvorträgen wurden aber nicht nur die aktuellen Nöte der Branche beklagt. Insbesondere in den parallelen Break-out-Sessions waren verschiedenste Praxisbeispiele und Initiativen in den Bereichen Erzeugung, Vermarktung, Trading und Infrastruktur zu besichtigen. Diese zeigten eindrucksvoll, wie bunt, innovativ, motiviert und lebendig die Wasserstoff-Community ist.

Dr. Peter Rügge, Geschäftsführer der beondgas AG & Co. KG und Kongressverantwortlicher, zog deshalb zufrieden Bilanz: „Uns wurde während und auch nach der Veranstaltung ein tolles Feedback zurückgespiegelt! Rein organisatorisch hat alles gut geklappt und die inhaltliche Tiefe der Key-Notes und Expertenvorträge waren einfach ganz große Klasse. Insgesamt waren an den drei Tagen mehr als 230 Teilnehmer anwesend und auch die Aussteller zeigten sich sehr zufrieden, so dass bereits erste Anmeldungen für beyondgas2023 vorliegen.“

„Es ist noch ein gewaltiges Stück Arbeit“

Die aktuelle Situation im Wasserstoffmarkt bereitet auch Rügge Sorgen: „Die inhaltlichen Ergebnisse von beyondgas2022 sind teilweise sehr ernüchternd, da zum einen die Stakeholder als auch die vielen mittleren und kleinen Akteure bereit sind, den viel zitierten Hochlauf proaktiv anzugehen, aber die Politik bzw. die Regulierung kontraproduktive Signale hinsichtlich der Investitionssicherheit senden. In der deutschen Übergangsregulierung für Wasserstoff sind keine klaren Rahmenbedingungen gegeben, der Europäische Vorschlag zur Regulierung steht einem schnellen Markthochlauf entgegen. Mein Fazit ist, dass es noch ein gewaltiges Stück Arbeit ist, einen vernünftigen Rahmen für den Wasserstoffmarkt in kürzester Zeit zu setzen. Am Beispiel unseres Partnerlandes Niederlande kann allerdings gezeigt werden, dass mit Entschlossenheit gehandelt werden kann. Dies muss für alle EU-Mitgliedstaaten und eben auch Deutschland ein Beispiel sein. Die wichtigen Ziele der Dekarbonisierung und Diversifizierung geben aus meiner Sicht sowohl den Zeitdruck und auch die Prioritäten vor.“

* Der Bericht reflektiert primär Inhalte des zweiten Kongresstages.

www.beyondgas.de

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