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Deutschland braucht eine Transformationsagenda für die Dekarbonisierung in der Industrie

Dekarbonisierung der Industrie
„Wir müssen ambitionierter werden, in Businessnetzwerken und Kreisläufen denken.“ Paneldiskussion mit Ralf Pfitzner, Daniel Schmid, David Radermacher und Ruth Heuss (von oben links im Uhrzeigersinn). (Bilder: Handelsblatt)

Handelsblatt Jahrestagung „Dekarbonisierung in der Industrie“ gibt Impulse für den Green Deal

Von Dr. Anke Schäfer *

Die Leitplanken sind gesetzt: In ihrer Novelle zum Klimaschutzgesetz hat die Bundesregierung das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045 verankert. Vom Inkrafttreten des Gesetzes am 31. August 2021 bis Neujahr 2045 sind es genau 8.524 Tage – gut 23 Jahre. Das ist gar nicht so lange hin, wenn man bedenkt, dass die meisten von uns das Jahr, das 8.524 Tage zurückliegt, noch plastisch in Erinnerung haben. Damals – 1998 – bestimmten u. a. der Amtsantritt der ersten rot-grünen Regierungskoalition, der Beginn der Kosovo-Krise und die verheerenden Folgen von Hurrikan Mitch die politischen Schlagzeilen. In seiner ersten Rede vor dem Deutschen Bundestag am 10. November 1998 beschwor der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder einen mutigen „Generationswechsel“ und die gewaltigen „Innovations- und Entwicklungspotentiale bei den erneuerbaren Energien. Wir setzen auf eine konsequente Nutzung der Einsparmöglichkeiten: bei der Stromerzeugung, bei elektrischen Geräten, bei den Gebäuden, aber auch im Straßenverkehr.“

Ihnen kommt das bekannt vor? 23 Jahre nach Gerhard Schröders Rede – im Juni 2021 – fanden Bill Gates und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen nicht minder wohlklingende Worte für ihr neues Investitionsprogramm „Breakthrough Energy Catalyst“. Mit bis zu 820 Mrd. Euro allein im Zeitraum 2022 bis 2026 sollen im Rahmen des europäischen Green Deals „groß angelegte kommerzielle Demonstrationsprojekte für CO2-arme Technologien mobilisiert“ und nachhaltige, klimaschonende Investitionen in den Sektoren „Grüner Wasserstoff“, „Nachhaltige Flugkraftstoffe“, „Direkte Abscheidung aus der Luft“ und „Energiespeicherung über lange Zeiträume“ gefördert und beschleunigt werden. Bill Gates kam hierbei auch auf die Bedeutung der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft zu sprechen. Sie sei „in puncto Innovationen die größte Chance, die wir je hatten. Europa hat sich frühzeitig und konsequent für das Klima eingesetzt, war lange Zeit in den Bereichen Wissenschaft, Ingenieurwesen und Technologie führend und wird daher eine entscheidende Rolle spielen. Durch diese Partnerschaft wird Europa eine solide Grundlage für eine Null-Emissions-Zukunft schaffen, in der saubere Technologien zuverlässig, verfügbar und für alle erschwinglich sind.“

Es bedarf verlässlicher politischer Rahmenbedingungen

Welch spannende konkrete Projekte und inspirierende Ideen es in der Industrie schon heute gibt, zeigte die pandemiebedingt leider nur online stattfindende > Handelsblatt Jahrestagung „Dekarbonisierung in der Industrie – Wie wird Deutschlands Wirtschaft bis 2045 klimaneutral?“ am 28. und 29. Oktober 2021. Dabei machten bereits die ersten Impulsvorträge deutlich, dass es zwingend verlässlicher politischer Rahmenbedingungen bedarf, um die gegenwärtigen Herausforderungen in reale Wachstumschancen zu verwandeln. Die Erwartungen an die neue Bundesregierung (nach 23 Jahren einmal wieder rot grün mit einem starken Gelbton) sind dabei hoch.

Einrichtung einer Transformationsallianz

Dr. Arnd Köfler, Mitglied des Vorstands (CTO) der thyssenkrupp Steel Europe AG, brachte es auf den Punkt: Deutschland brauche „eine Transformationsagenda – umfassend, schnell, europäisch abgestimmt“. Köfler forderte die Einrichtung einer Transformationsallianz aus Bundesministerien, Industrie und Gewerkschaften im Januar 2022, um VOR Verabschiedung des neuen Bundeshaushalts die zentralen Maßnahmen und Instrumente zu vereinbaren. Es müssen öffentliche und private Investitionen gestärkt (etwa gezielt CAPEX und OPEX über Klimaverträge aus einem Transformationsfonds gefördert), Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt, Leitmärkte für grüne Wasserstoffe geschaffen, die Instrumente des EU-Klimapakets „Fit for 55“ angepasst, das europäische Beihilferecht weiterentwickelt, die Wasserstoffwirtschaft gefördert und Nutzungsprioritäten definiert werden. Für Köfler gehört es in diesem Zusammenhang dazu, auch ehrlich und ergebnisoffen die längst überfällige Frage nach Gas als derzeit noch erforderlicher Brückentechnologie zu diskutieren und bei Bedarf im Bereich der grünen Energien auch Unterstützung von außen (z. B. aus den arabischen Staaten) hinzuzuziehen. Die Strategie seines eigenen Konzerns ist dabei klar: thyssenkrupp will sich bis 2045 zu einem führenden Grünstahl-Spieler transformieren. Bereits 2025 sollen mit der ersten Direktreduktion 10 % der heutigen CO2-Emissionen eingespart werden.

Schneller Umstieg auf grünen Strom

Auch Philipp Schlüter, Vorstandsvorsitzender der TRIMET Aluminium SE, verwies darauf, wie sehr eine elektrointensive Industrie wie seine wettbewerbsfähigen Strom, wirtschaftsfreundliche Netzentgeltregelungen und Planungssicherheit (z. B. in Hinblick auf die Phase 4 der Umsetzung der EU-ETS-Guideline in nationales Recht) benötige. Zugleich sei mit Sicht auf die Emissionen aus dem konventionellen Strommix ein schneller Umstieg auf grünen Strom erforderlich. Schlüter befürchtet ansonsten eine „Carbon-Leakage-Abwanderung, die wie eine Guillotine herunterfällt“. Wenn definiert wird, was ein grünes Produkt überhaupt ist, sei recyclingfähiges Aluminium übrigens ein Beispiel par excellence.

Altes muss Neuem Platz machen

Dass der Ruf nach einer verbindlichen Transformationsagenda alle gesellschaftlichen Interessengruppen eint, machte Verena Graichen, Stellvertretende Bundesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND e. V.), deutlich. Graichen forderte verlässliche Rahmenbedingungen, sprach die wachsende Bedeutung der Kreislaufwirtschaft an und bedauerte den Ausschluss von Steuererleichterungen in den laufenden Koalitionsgesprächen: „Wir täten gut daran, in die Zukunft zu investieren.“ Graichen beschrieb sehr bildhaft, dass für echte Veränderungen das Alte Platz machen und das Neue kommen können muss. Dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in der letzten Legislaturperiode so sträflich vernachlässigt wurde, führt Graichen auf „mangelnden politischen Willen“ zurück und hofft, dass sich das ändert: „Wir haben uns damit keinen Gefallen getan.“

Dekarbonisierung der Industrie

Staatssekretär Dr. Ulrich Nußbaum plädiert für einen „Klimaclub gleichgesinnter Staaten“.

Der scheidende Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) Dr. Ulrich Nußbaum zog demgegenüber eine positive Bilanz und hob als ein neues wirksames Instrument IPCEI hervor – also transnationale, wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischen Interesse (important projects of common European interest). Das BMWi habe sich hier eine hohe Expertise erarbeitet, etwa in den Bereichen Wasserstoff, Batteriezellfertigung oder ganz aktuell Mikroelektronik. Nußbaum betonte, dass die Dekarbonisierung als globale Transformation zu denken sei. Mit der Schaffung eines internationalen „Klimaclubs gleichgesinnter Staaten“ könne ein erster Schritt getan werden. Der neuen Bundesregierung gab Nußbaum noch jovial auf den Weg, nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, sondern den politischen Fokus auch auf den überregionalen Netzausbau, Resilienz und bezahlbare Energiepreise (Stichwort Abschaffung der EEG-Umlage) zu richten.

Die gesamten Wertschöpfungs- und Lieferketten dekarbonisieren

Aber wie kann Dekarbonisierung gelingen? Sicher im partnerschaftlichen Miteinander, wie es auf europäischer Ebene die 2020 gegründete CEO Alliance for Europe´s Recovery, Reform and Resilience beweist. Sie will nicht nur ein „trusted advisor der Europäischen Kommission“, sondern auch ein „action tank“ und engagierter Innovationstreiber für die Themen Klimaschutz, Dekarbonisierung, Digitalisierung, Transparenz und Elektrifizierung sein – mit konkreten gemeinsamen Projekten, die sich sehen lassen können, z. B. für eine EU-weite Ladeinfrastruktur für den Schwerlastverkehr, die Integration der EU-Energiesysteme oder ein digitales Carbon Footprint Tracking. In einer Podiumsdiskussion betonten drei ihrer Vertreter – Ralf Pfitzner, Leiter Konzern Nachhaltigkeit der Volkswagen AG, David Radermacher, Vice President Sustainability and Climate der E.ON SE, und Daniel Schmid, Chief Sustainability Officer der SAP SE –, dass es darauf ankäme, die gesamten Wertschöpfungs- und Lieferketten zu dekarbonisieren: „Wir müssen ambitionierter werden, in Business-Netzwerken und Kreisläufen denken.“ Nachhaltigkeit und digitale Transformation müssen dabei Hand in Hand gehen. Und natürlich dürfe auch der Spaß an Unternehmergeist, Kreativität und technischen Neuerungen nicht zu kurz kommen. Das könnte dem Klimaschutz einen massiven Innovationsschub verleihen.

Substanzielle Sachinvestitionen in Höhe von 6 Billionen Euro nötig

Auf die Chancen der Dekarbonisierung kamen auch Hauke Engel und Ruth Heuss, Partner und Senior Partnerin der McKinsey & Company, Berlin, zu sprechen. Sie stellten ihre optimistisch stimmende neue Studie „Net-Zero Deutschland – Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2045“ vor. Die zentrale Botschaft: Wenn wir es richtig angehen, können wir den Wandel kostenneutral gestalten – immer bezogen auf den gesamten Zeitraum und die gesamte Volkswirtschaft. Um die Klimaneutralität in Deutschland bis 2045 zu erreichen, seien substantielle Sachinvestitionen in Höhe von 6 Billionen Euro nötig. 5 Billionen Euro davon – also 200 Mrd. Euro p. a. – müssten aber ohnehin getätigt werden im Rahmen von Ersatzinvestitionen aus dem bestehenden Volumen privater und öffentlicher Investitionen in Sachgüter. Bleibt also „nur“ eine Billion Euro – oder 40 Mrd. Euro p. a. – für dringend erforderliche Zusatzinvestitionen. Es müsse also nur „einfach“ Nachhaltigkeit Bestandteil jeder Unternehmensstrategie werden, um die grüne Transformation erfolgreich zu realisieren. Dazu gehöre es, eine „Grüne Vision“ zum Steigern des Unternehmenswertes festzulegen, das Portfolio konsequent entlang der Nachhaltigkeitsstrategie und weiterer Zukunftsthemen auszurichten, durch Investitionen in zukunftsweisende Technologien schneller und profitabler „grün zu wachsen“ und die gesamte Wertschöpfungskette gezielt zu karbonisieren.

Es könnte also alles so einfach sein. Ab heute (29. Oktober 2021) sind es noch genau 8.465 Tage bis zum 1. Januar 2045 – das ist gar nicht so lange hin.

* Dr. Anke Schäfer

(Bild: privat)

– Geb. 1971 in Rostock
– PR-Beraterin, Fachjournalistin, Redakteurin, Dozentin
– Langjährige Mitarbeit in führenden Beratungsgesellschaften und Systemhäusern
– 2007 Gründung der Dr. Schäfer PR- und Strategieberatung (Fokus: Energie- und Wasserwirtschaft, ITK-Branche, Grüne Energien)
– Abschlüsse als M. A. (Anglistik/Amerikanistik und Slawistik/Russistik), Dr. phil. (Mediensprache/Rhetorik) und Diplom-Juristin

Kontakt: info@dr-schaefer-pr.de

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