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Ingo Schönberg: »Die SMGW-Produktion läuft bei PPC schon auf vollen Touren«

Ingo Schönberg, Vorstandsvorsitzender der Power Plus Communications AG (PPC)
Ingo Schönberg, Vorstandsvorsitzender der Power Plus Communications AG (PPC), stand energie.blog Rede und Antwort. Bild: PPC)

»Was wir jetzt in der Energiebranche brauchen, ist mehr Mut und die Erkenntnis, dass man nur im Tun lernen kann«

e.b: Das BSI hat Ende Januar seine erste Marktanalyse veröffentlicht. Welche Schlussfolgerungen haben Sie daraus gezogen?

Schönberg: Für uns war sehr interessant, dass das BSI – abgesehen von der fehlenden Zertifizierung weiterer Smart Meter Gateway-Hersteller – hinter alle anderen Themen einen Haken gemacht hat. Die notwenige Infrastruktur für den iMSys-Betrieb ist vollständig verfügbar. Es gibt ausreichend Gateway-Administrationssysteme, Gateway-Administratoren und Zertifizierungsdienstleister. Die Prozesse der Datenverarbeitung bei den Versorgern sind eingerichtet. In der Branche gab es ja die Sorge, dass noch irgendwelche neuen Hürden identifiziert werden könnten. Das hat das BSI mit der Marktanalyse klar verneint. Es müssen nur noch zwei weitere Hersteller von Smart Meter Gateways durch die Zertifizierung, und dann kann der Rollout auch für die Pflichteinbaufälle losgehen.

e.b: Wann wird das nach Ihrer Einschätzung der Fall sein?

Schönberg: Das BSI hat angekündigt, dass es im Sommer soweit sein wird. Im Moment wird mit Hochdruck daran arbeitet, zwei weitere Hersteller durchzubringen. Mein Gefühl ist, dass es August/September so weit sein wird. Gleichwohl sollte jeder MSB bereits loslegen und die Prozesse vor dem Starttag final einschleifen.

»Mussten von Anfang an Interoperabilität leben«

e.b: PPC hat die Zertifizierung schon im Dezember 2018 erhalten. Was haben sie anders gemacht als Ihre Wettbewerber?

Schönberg: Wir haben zwei gute Entscheidungen gefällt, als wir losgelaufen sind. Eine wurde uns schon in die Wiege gelegt wurde, denn wir sind von Haus aus IKT-Spezialist. Wir kommen nicht aus dem Zählerbereich, sondern sind Fachleute im Bereich Netzwerke, Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Security. Das ja ein ganz wesentlicher Aspekt für das Smart Meter Gateway. Diese Herkunft hat uns sicherlich eine ausgezeichnete Startposition beschert.

Ein zweiter Punkt, der sehr wichtig ist: Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einen Experten aus dem Bereich Zertifizierung mit dazu zunehmen, die OpenLimit SignCubes GmbH aus Berlin, die solche Verfahren in anderen Branchen schon erfolgreich durchgeführt hat. Mit diesem Partner an der Seite konnten wir die Arbeit beschleunigt und strukturiert angehen. So konnten wir auf einem gewissen Erfahrungsschatz aufsetzen, auch wenn die Zertifizierung im SMGW-Umfeld deutlich komplexer als bei anderen Verfahren ist.

Und drittens kommt indirekt hinzu. Wir sind von Haus aus ein Spezialist für Smart Meter Gateways und Kommunikation, wir haben nie Zähler oder GWA-Systeme selbst machen wollen. Das hat dazu geführt, dass wir von Anfang an Interoperabilität leben mussten. Deshalb war die Lernkurve bei uns besonders intensiv und steil.

e.b: Welche Vorteile ziehen sie daraus, dass Sie gegenüber anderen Herstellern voraussichtlich ein halbes Jahr Vorsprung bei der Zertifizierung haben?

Schönberg: Wir können etwas differenzierter auf die Bedürfnisse wettbewerblicher und grundzuständiger Messstellenbetreiber eingehen. Die grundzuständigen Messstellenbetreiber haben natürlich mit der Skalierung ein Problem, solange keine positive Marktanalyse vorhanden ist. Praktisch ist es aber so, dass fast alle relevanten Messstellenbetreiber heute zumindest im kleinen Umfang zertifizierte Geräte einbauen, weil sie ja die ganzen Prozesse einrichten und evaluieren müssen. Von der elektronischen Bestellung bis zur sicheren Lieferkette muss alles aufgebaut sein – egal ob es sich um ein Gerät oder um zehntausend handelt. Diese Hochlaufprozesse haben wir bei den meisten MSB begonnen. Große wettbewerbliche Messdienstleister andererseits starten bereits durch beim Rollout, um sich einen Vorsprung zu erarbeiten und sich auch durch diesen Nachweis als GWA- und EMT-Dienstleister zu profilieren.

»Lernen extrem schnell, Produktion und Prozesse im Realbetrieb hochzufahren«

e.b: Was bedeutet es für die Auftragsbücher und die Produktion, dass Ihre Geräte den Bundesadler tragen und verkauft werden können?

Schönberg: Das bedeutet zum Beispiel, dass wir die Produktion schon auf vollen Touren am Laufen haben und die ersten fünfstelligen Mengen an unsere Kunden ausliefern. Auf dieser Basis können wir vorausschauend überprüfen, wie viele Geräte wir zukünftig maximal pro Tag, Woche und Monat herstellen können, wenn der iMSys-Pflichtrollout starten kann. Wir lernen im Moment extrem schnell, wie wir die Produktion und die Prozesse im Realbetrieb hochfahren.

Ich möchte in diesem Kontext auf einen Aspekt aufmerksam machen, der leicht übersehen wird: Neben der BSI-Zertifizierung haben wir durch die Baumusterprüfbescheinigung nachweisen können, dass unsere Geräte mit acht Gateway-Softwaresysteme interoperabel sind. Damit kann der gesamte deutsche Markt software-seitig mit unseren Smart Meter Gateways arbeiten. Im Praxiseinsatz mit zertifizierten Geräten zeigen wir, dass flächendeckende Interoperabilität schon heute realisierbar ist.

Aber es gibt natürlich auch Nachteile, der Erste zu sein: Man hat bei vielen Themen eine Eisbrecherfunktion und ist manchmal auch der Überbringer schlechter Botschaften, wenn es um das notwendige strikte Einhalten von Prozesse, Strukturen und Anforderungen geht. Wir haben daher mitunter auch eine missionarische Aufgabe, die nicht immer so viel Spaß macht.

e.b: Können sie das mal an einem Beispiel erläutern?

Schönberg: Nehmen wir die sichere Lieferkette: Viele unserer Kunden sagen: Wofür brauchen wir denn sowas Kompliziertes? Das ist doch alles unnötig. Warum müssen wir das anders machen als bisher? Da sind wir natürlich zunächst mal der Überbringer einer schlechten Botschaft und müssen viel erklären. Wir merken aber auch, dass Unternehmen, die ohnehin eher offensiv agieren, sich sehr konstruktiv damit auseinandersetzen und ihre Monteure schulen.

»Einschleifen der Prozesse und Aufbau der Ressourcen«

e.b: Stichwort Monteure: Droht da ein Flaschenhals?

Schönberg: Wir haben mittlerweile mehr als 100 Monteure bei unseren Kunden geschult. Monteure müssen bei der sicheren Lieferkette einen Schulungsnachweis erbringen, den wir wiederum gegenüber dem BSI dokumentieren müssen. Das heißt, auch da werden entsprechend qualifizierte Personalressourcen im Rollout benötigt. Und erfahrene Monteure können dann weitere Monteure schulen – ein Schneeballeffekt, der auch für zeitnahen  Start spricht. Wenn wir Anfang 2019 drei zertifizierte Gateways gehabt hätten, wären noch lange nicht deutschlandweit geschulte Monteure in ausreichender Stückzahl verfügbar gewesen. Insofern findet auch hier im Zuge der Hochlaufphase ein Einschleifen der Prozesse und Aufbau der Ressourcen statt.

e.b: Wie funktioniert denn Ihre sichere Lieferkette? Welche Lerneffekte gibt es in der Praxis?

Schönberg: Es gibt an allen Stellen mit zertifizierten Geräten neue Themen. Das beginnt beim elektronischen Bestellschein. Wir müssen ja den gesamten Prozess auf einer gesicherten elektronischen Ebene vom Kundensystem bis in die Produktion abbilden. Dann müssen die Geräte physisch aus der Produktion in Zwischenlager und den Keller transportiert werden. Dazu muss man die Geräte in entsprechenden Boxen transportieren. Das kann eine ganze Palette sein oder eine Box mit Platz für bis zu 60 Geräten, die ein Monteur typischerweise mit sich führt. Das Öffnen und Schließen dieser Boxen sind Aktionen, die festgelegten Regeln folgen müssen. Das ist natürlich ein zusätzlicher Arbeitsschritt, der zwar einfach ist, aber gelernt sein muss. Allerdings ist der Unterschied zu dem, was Monteure beim Zählerwechsel heute tun müssen, gar nicht so groß. Auch heute liegen die Zähler nicht einfach so im Auto herum und müssen aus einer Umverpackung genommen werden.

e.b: Bei der sicheren Lieferkette arbeiten Sie mit Theben zusammen. Wie erklärt sich die Kooperation mit einem Wettbewerber?

Schönberg: Weil es sinnvoll ist, Prozesse zu vereinheitlichen. Jeder Hersteller muss dokumentieren, wie die Geräte sicher von der Produktion bis in den Keller transportiert werden. Wenn das jeder nach einem eigenen Verfahren macht, müssten unsere Kunden schlimmstenfalls mehrere verschiedene Lieferprozesse einhalten. Das ist undenkbar. Vor diesem Hintergrund haben wir Theben vorgeschlagen, unseren Prozess der sicheren Lieferkette zu übernehmen. Das ist ja weder Kerngeschäft für Theben noch für PPC. Alle profitieren so von einheitlichen Standards. Wir beseitigen ein Hemmnis, das am Markt potentiell bestehen könnte.

»Nichts gesehen, was besser, günstiger oder einfacher wäre«

e.b: Wie viel PPC-Anteil steckt in SiLKe, dem künftigen Standard, den das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (FNN) entwickelt?

Schönberg: Wir wirken dort natürlich mit und versuchen einen konstruktiven Beitrag zu leisten. Wie groß oder nachhaltig der sein wird, bleibt abzuwarten. Im FNN-Arbeitskreis findet zunächst mal ein gemeinsamer Lern- und Evaluierungsprozess statt. Und wenn da am Ende Verbesserungen  rauskommen, ist das im Sinne der Sache. Andere Hersteller arbeiten ja mit der gleichen Box, haben aber vielleicht die Prozesse anders gestaltet. Da werden wir schauen, ob wir noch Verbesserungen finden. Und dann wird man gemeinsam überlegen, was die beste Lösung für den Markt ist. Bisher haben wir noch nichts gesehen, was besser, günstiger oder einfacher wäre.

e.b: Geht durch diese Evaluation nicht viel Zeit verloren? Was bedeutet das für den Pflicht-Rollout, wenn SiLKe bis dahin noch nicht definiert ist?

Schönberg: Das spielt keine Rolle bzw. ist kein Hindernis, es existiert ja ein zertifizierter Prozesse. Grundsätzlich können mit unserem Lieferkettenprozess in einer Box Geräte von drei verschiedenen Herstellern transportiert werden, sogar gleichzeitig. Voraussetzung ist, dass die Prozesse eingehalten werden, die das BSI zertifiziert hat.

»Einmalige Chance, die es zu ergreifen gilt«

e.b: Ihre Botschaft an den Markt?

Schönberg: Was wir jetzt in der Energiebranche brauchen, ist mehr Mut und die Erkenntnis, dass man nur im Tun lernen kann. Mit dem Smart Meter Gateway erhalten die Versorger einen reguliert verordneten digitalen Zugang zu ihren Kunden. Über die Preisobergrenze bekommen sie ihn sogar bezahlt. Das ist eine einmalige Chance, die es zu ergreifen gilt. In Abwandlung eines chinesischen Sprichwort lautet mein Rat: Im Wind des Wandels sollte man keine Mauern bauen, sondern sich den Windmühlen zuwenden.

e.b: Herr Schönberg, vielen Dank für das Gespräch.

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