Home > Exclusive > Die Bedeutung intelligenter Konzepte bei Verkehr und Mobilität für die Energiewende

Die Bedeutung intelligenter Konzepte bei Verkehr und Mobilität für die Energiewende

Mobilität Dr. Jenny Dungs, EIT InnoEnergy GmbH
Dr. Jennifer Dungs ist Leiterin des neuen Schwerpunktbereichs „Energie für Verkehr und Mobilität“ bei der EIT InnoEnergy GmbH, Europas Innovationsmotor für nachhaltige Energien. (Bild: InnoEnergy)
Von Dr. Jennifer Dungs, Mobility Lead, InnoEnergy

Im Juni gab die schwedische Bahngesellschaft SJ bekannt, dass die Zahl der Bahnreisen im Inland innerhalb eines Jahres um 8 % gestiegen ist. Zurückzuführen sei dies unter anderem auf das wachsende Bewusstsein für den Klimawandel und den Greta-Thunberg-Effekt: Die 16-jährige Klimaaktivistin hatte mit ihrer Rede vor den Abgeordneten des Europäischen Parlaments und ihrer Zugreise über den Kontinent für Aufmerksamkeit gesorgt.

Ob Bahnreisen, die zuletzt eher rückläufig waren, nun wieder dauerhaft beliebter werden, wird sich noch zeigen. Aber die Erfahrung in Schweden lässt hoffen. Verkehr und Mobilität machen rund ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs der 28 EU-Staaten aus. Im Jahr 2016, dem letzten Jahr mit verfügbaren Daten von Eurostat, waren 33,2 % des energetischen Endverbrauchs auf das Verkehrswesen zurückzuführen. Zum Vergleich: Auf die Haushalte entfielen 25,7 %, auf die Industrie 25 %.

Verkehr und Mobilität spielen eine zentrale Rolle für den Erfolg der Energiewende

Eines steht also fest: Wenn wir in Sachen Energiewende erfolgreich sein und die Energiebranche nachhaltiger und sicherer gestalten wollen, spielen Verkehr und Mobilität eine zentrale Rolle.

Wir könnten zum Beispiel, so wie es Aktivisten und Klimaforscher fordern, den Flugverkehr stark einschränken. Schließlich ist der durch internationale bzw. Inlandsflüge verursachte Energieverbrauch zwischen 1990 und 2016 um 95,9 bzw. 9,8 % gestiegen.

Wir könnten die Abhängigkeit vom Schiffsverkehr verringern, der im Jahr 2012 für 2,2 % aller CO2-Emissionen des Menschen verantwortlich war. Wir könnten den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene verlagern. 76,4 % der im Inland transportierten Güter wurden 2016 auf der Straße transportiert (auf Grundlage zurückgelegter Tonnenkilometer). Und der Anteil der Güter, die mit sehr alten und damit weniger kraftstoffeffizienten Fahrzeugen transportiert wurden, ist seit 2012 sogar gestiegen.

Doch wir müssen uns beim Thema Verkehr eingestehen: Unsere moderne Wirtschaft kommt ohne ihn nicht aus. Schiffe befördern rund 80 % des Volumens der weltweiten Handelsgüter und mehr als 70 % im Hinblick auf deren Wert. Und die veralteten LKW? Sie transportieren vor allem Nahrungsmittel, Getränke und Tabak oder bringen landwirtschaftliche Produkte vom Erzeuger zum Verbraucher.

Wir können nicht erwarten, dass die Bevölkerung in entwickelten Ländern zu einem ländlichen Lebensstil wie in längst vergangenen Zeiten zurückkehrt. Ebenso wenig können wir fordern, dass weniger entwickelte Nationen auf wirtschaftliche Expansion verzichten und ihre Bevölkerung wieder von der Hand in den Mund leben lassen. Jedenfalls nicht, wenn uns der Mensch genauso am Herzen liegt wie das Geld, das wir investieren.

Lösungsansätze in Zeiten der Urbanisierung

Viele Entscheidungen werden uns aufgrund der demografischen Entwicklung bereits abgenommen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, und die unzähligen kleinen, alltäglichen Elemente urbaner Mobilität summieren sich zu einem enormen Energieverbrauch.

Es ist demnach sinnvoll, die Urbanisierung genauer zu betrachten und nach Möglichkeiten zu suchen, wie wir die „Sharing Economy“ nutzen können, in der beispielsweise Mitfahrgelegenheiten und andere Mobilitätsdienste (Stichwort „Mobility as a Service“) ausgebaut werden und damit für Verbraucher unverzichtbar werden.

Wir können uns überlegen, wie wir die Elektrifizierung von Fahrzeugen, den Bau leichter Nutzfahrzeuge und den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs beschleunigen können – mit verschiedenen Arten von Kraftstoff, Batterien und Speicherlösungen. Wir können untersuchen, wie zukunftsfähig alternative synthetische Kraftstoffe sind, wenn es darum geht, die Abhängigkeit von Benzin und Diesel zu beenden.

Wir können außerdem Verkehrsmanagementmodelle, vernetzte Ampeln und intelligentes Parken in Betracht ziehen, um das Verkehrsaufkommen zu reduzieren. Viele dieser Strategien wurden schon in Machbarkeitsstudien und in ausgewählten Testgebieten untersucht. Jetzt ist es an der Zeit, sich die Ergebnisse vorzunehmen und skalierbare Lösungen zu entwickeln.

Eine weitere Frage ist: Wie macht man nichtmotorisierten Verkehr attraktiver? Viele europäische Städte haben App-gestützte Fahrradverleihsysteme gestartet und mussten dann zusehen, wie Deponien, Kanäle und Parkplätze zum Abstellplatz für ausgediente Drahtesel wurden. Und als in Paris gleich zwölf Anbieter zur selben Zeit ihr E-Roller-System einführten, waren die Bewohner völlig überrumpelt und gar nicht begeistert.

Das Interessante daran: Als Vorbild diente wohl das Pariser Projekt „Vélib’“ – zu seiner Zeit das erste funktionierende Fahrradverleihsystem. Wir haben daraus die Lehre gezogen, dass es wichtig ist, die betreffende Stadt einzubinden. Bei späteren Systemen für gemeinsame Nutzung wurde nicht bedacht, dass die Stadt selbst ein Endverbraucher ist. Ihre Aufgabe ist es, sowohl Sicherheit als auch Umweltschutz zu gewährleisten. Sie muss daher mit ihren ganz eigenen Anforderungen berücksichtigt werden.

Energie und Verkehr lassen sich aber auch in einem noch größeren Kontext betrachten. Wenn die städtische Mobilität aufgrund der Anzahl der zurückgelegten Wege ein ideales Ziel für Innovationen, Investitionen und Umwälzungen ist, bedeutet das auch: Es wird höchste Zeit, sich die auf Langstrecken verbrauchte Energie vorzunehmen.

Drei Lehren aus der Energiewende

Dafür sind ganz andere Lösungen nötig. Eine wichtige Erkenntnis, die wir aus der Energiewende bereits gewonnen haben, ist: Es gibt keine Einheitslösung. Veränderungen laufen eher schrittweise ab und sind auf Kraftstoffeffizienz bezogen. Eine echte Chance ist Luftverkehr mit Solarenergie. Nach zwölfjähriger Forschung und Entwicklung in gezielten Technologiebereichen – von ultraleichten LEDs und Schutzbeschichtungen bis hin zu Dämmung mit geringer Dichte – gelang der Solar Impulse Foundation, einem Partner von EIT InnoEnergy, die erste Weltumrundung mit einem Flugzeug ohne Treibstoff.

Unter Umständen ist es notwendig, dass die Regierung Maßnahmen ergreift (z. B. in Form von CO2-Preisen und Umweltzonen), aber das allein reicht nicht. Ganz entscheidend sind die Möglichkeiten, die sich durch zukunftsorientierte Unternehmer, Innovatoren und Unternehmen ergeben. Sie müssen gefördert werden und die entsprechenden Chancen erhalten. Bereits jetzt gibt es Beispiele für gemischte Investitionen: So hat sich EIT InnoEnergy mit 5 Mio. Euro an Hardt Hyperloop beteiligt – Europas erstem Hyperloop, der eine nachhaltige Hochgeschwindigkeits-Alternative zu aktuellen Formen des Schienenverkehrs darstellen könnte.

Gemeinsam finden wir vielleicht Möglichkeiten, um beispielsweise das umfangreiche Netz aus Binnenwasserstraßen in Europa besser zu nutzen. Und können wir evtl. auf globaler Ebene mehr aus den vorhandenen Ideen zur Vernetzung und Digitalisierung bei Schiffen machen, damit der Schiffsgüterverkehr kraftstoffeffizienter wird? Einige Start-ups erforschen Möglichkeiten, wie sich Frachtschiffe mit Segeln ausstatten lassen, ohne dass sich dies negativ auf die logistische Planung und die Reisedauer auswirkt. Das erste voll elektronische Containerschiff, das ganz ohne Emissionen fährt, ist vielleicht schon nächstes Jahr auf kurzen Küstenstrecken im Einsatz.

Eine Person allein hat nicht alle Antworten parat. Verschiedene Akteure in all diesen Bereichen müssen stärker zusammenarbeiten und gemeinsam Lösungen erschaffen. Das ist die dritte und letzte Lehre, die wir aus der Energiewende ziehen: Es geht hier nicht um eine einzelne „heldenhafte“ Idee, sondern vielmehr um die Verbindungen, die zur Realisierung dieser Idee benötigt werden. Verkehr ist hier das ideale Thema.

Energieforschung für Mobilität im Umbruch

Wir bei EIT InnoEnergy haben erkannt, dass sich die Energieforschung für die Bereiche Mobilität und Verkehr im Umbruch befindet. Im Januar 2019 haben wir einen neuen Investitionsbereich eingerichtet, um Start-ups und Innovationen auf diesem Gebiet zu fördern. Was EIT InnoEnergy so smart macht, ist die Tatsache, dass wir ein strategischer Investor sind: Wir investieren in allen Stadien des Innovationsprozesses und unterstützen Start-ups in der Anfangsphase mit speziellen Tools und Ressourcen. Gleichzeitig verfügen wir aber auch über andere Werkzeuge und strategische Mittel, die wir in Start-ups und Scale-ups investieren können, die schon näher an der Vermarktung sind. Wir hoffen, dass wir diese großartigen Innovatoren finden, die etwas bewirken wollen – und dass wir sie auf ihrer Reise unterstützen können.

Über InnoEnergy
InnoEnergy ist der Innovationsmotor für die europäische Energiewirtschaft. Wir investieren in Unternehmen und helfen bei der Entwicklung innovativer Produkte, Dienstleistungen und Lösungen mit hohem wirtschaftlichem Potenzial. Wir bieten Zugang zu einem umfangreichen Portfolio an Fachkenntnissen und Ressourcen und bringen diese mit Märkten und Geschäftsmöglichkeiten in ganz Europa zusammen.
Durch unser europäisches Netzwerk von Branchenexperten, Unternehmen und Forschern sind wir in der Lage:Zugang zu mehr als 430 europäischen Projektpartnern zu ermöglichen, um die Entwicklung neuer Produkte zu unterstützen.

  • Investitionsfinanzierung bereitzustellen, um Ihnen dabei zu helfen, Ihr Projekt zu realisieren
  • Marktbedürfnisse und potenzielle Kunden zu identifizieren.
  • Markteinführungszeiten für innovative Ideen zu verkürzen.
  • Prototypen in nur drei Jahren zu kommerziellen Produkten zu machen.

Seit Beginn der Investment Round im Jahr 2011 hat InnoEnergy 222 Mio. Euro in 120 Projekte investiert – das Ergebnis sind 4 Mrd. Euro in prognostizierten Umsätzen.

www.innoenergy.com

Das könnte Sie auch interessieren
RDRWind und VGB PowerTech arbeiten bei Repowering, Demontage und Recycling von alten Windenergie-Anlagen zusammen
RDRWind und VGB PowerTech arbeiten bei Repowering, Demontage und Recycling alter Windenergie-Anlagen zukünftig zusammen
Geothermie
Geothermie-Konferenz NRW in Bochum: Nordrhein-Westfalen braucht Geothermie für die Nachkohlezeit
Energiewende in Gefahr? Stimmen von Axel Berg, Robert Busch, Gero Lücking und Johannes Teyssen
Bedroht der RWE-EON-Innogy-Deal die Energiewende?
Stromlücke infolge von Atom- und Kohleausstieg
Marktforscher von EuPD Research warnen: Ohne massiven Photovoltaik-Zubau droht Stromlücke

Kommentar schreiben