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Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021: Wie Stadtwerke am Energiemarkt punkten können

Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung der Trianel GmbH, sprach auf der Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021 darüber, welchen Beitrag Stadtwerke zur Klimaneutralität ihrer Kommunen leisten können. (Bilder: Handelsblatt)

Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021 im Zeichen der sieben großen Herausforderungen für die Energiewirtschaft

Von Dr. Anke Schäfer *

„Für alle, die anpacken“ – unter diesem Motto lädt die > Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021 am 29. und 30. April 2021 zu einem abwechslungsreichen interaktiven Mix aus Studiogesprächen, Zuschaltungen und virtuellen Networking Sessions ein. Eine bislang in jeder Hinsicht gelungene Premiere, auch wenn sicher viele Teilnehmer*innen den informellen persönlichen Austausch in Berlin vermissen. Inspirierende Begegnungen mit echten Macher*innen hält die Konferenz aber auch digital bereit.

Die Veranstaltung steht ganz im Zeichen der sieben großen Herausforderungen, denen sich die Stadtwerke heute stellen müssen. Dazu gehört es, die eigene Position im Energiemarkt zu definieren, Klimaschutz und Dekarbonisierung in die Kommunen zu bringen, die Corona-Folgen zu meistern, digitale und nachhaltige Dienstleistungen für die Kommunen zu erbringen, Netze zukunftssicher zu gestalten, das Kerngeschäft zu sichern und die Bereiche Energie und Wohnen zusammenzubringen.

Jedes für sich ist bereits eine Herkulesaufgabe, zusammen genommen gleicht es einem „modernen, parallelen Siebenkampf-Marathon“, wie es Heike Heim, Vorsitzende der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH DEW 21, in ihrer Keynote beschreibt.

Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke

Heike Heim, Vorsitzende der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH DEW 21, bei der Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021.

Einfach machen und gemeinsam anpacken

Angesichts der neuen Marktmacht der E.ON gilt es mehr denn je für Stadtwerke, ein eigenes, unverwechselbares Profil zu entwickeln und ihre Stärken als regional fest verwurzelter, „nachhaltiger Lebensversorger“ auszuspielen. Auch wenn bereits viel darüber geschrieben wurde: Sinn und Verantwortlichkeit (neudeutsch auch „corporate purpose“ genannt) machen den Unterschied.

Julien Mounier, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke Düsseldorf AG, betont genau dieses Alleinstellungsmerkmal („lokal, integriert, Emotion“) gegenüber dem Massengeschäft der Global Player. Stadtwerke hätten ein unvergleichliches Asset als Enabler und Problemlöser – den Zugang zu den Kommunen, so Prof. Dr. Bastian Halecker vom German Deep Tech Institute.

Dass während der Pandemie die regionale Versorgung mit Strom, Gas, Wasser und ITK-Dienstleistungen stets garantiert war, hat den Stadtwerken viel Lob eingebracht. Für Heike Heim ist auch das ein Grund, verstärkt junge Leute als Mitarbeiter*innen zu gewinnen und sie ganz praktisch für Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu begeistern. Wenn es um die Sinnhaftigkeit von Arbeit geht, steht die Daseinsvorsorge (auch die digitale) ganz oben auf der Liste – nicht in Abgrenzung zu innovativen Hightech-Unternehmen und Start-ups, sondern im Zusammenspiel beider, miteinander verknüpfter Welten, mit stärkeren Use Cases und einer konsequenten Kundenorientierung.

So sei die Vergrünung der Fernwärme ein zentraler Beitrag zur Dekarbonisierung, wenn eine nachhaltige Quartiersentwicklung z. B. durch intelligente IoT-Konzepte flankiert würde. „Alles ist zu meistern für die, die anpassungsfähig sind“, bringt es Guido Wendt, Head of Energy & Utility der Capgemini Invent, auf den Punkt. Dazu gehört nicht zuletzt auch die Umsetzung moderner Unternehmensführungs- und New-Work-Konzepte.

Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke

Guido Wendt, Head of Energy & Utility, Capgemini Invent, rät auf der Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021 zu Anpassungsfähigkeit.

Veränderung als Chance – Klimaschutz hat oberste Priorität

In seinem aktuellen Bestseller „Was, wenn wir einfach die Welt retten? – Handeln in der Klimakrise“ spricht Frank Schätzing davon, dass wir keinen Ideenstau haben, sondern nur im Umsetzungsstau stecken. Die Politik ist daran leider nicht unschuldig (oder härter ausgedrückt: sie hat hier auf ganzer Linie versagt), wie die heutige historische Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass das erst 2019 verabschiedete Klimaschutzgesetz in Teilen verfassungswidrig sei, eindrucksvoll unterstreicht. Erst Anfang der Woche zeigte eine auch auf der Konferenz diskutierte Studie der Agora Energiewende, der Agora Verkehrswende und der Stiftung Klimaneutralität, dass die Bundesrepublik ihre Klimaschutzziele schneller erreichen könne als ursprünglich geplant. Schon bis 2045 könne Deutschland klimaneutral sein, wenn man die Geschwindigkeit des Umbaus gegenüber dem 2050er-Szenario erhöhe. „Wir bauen mehr Erneuerbare, wir erhöhen die Sanierungsrate weiter, wir gehen auch schneller in die Wasserstoffwirtschaft, wir müssen aber auch solche unangenehmen Dinge wie CCS schneller diskutieren“, so Dr. Patrick Graichen, Direktor der Agora Energiewende.

In einer Umfrage votieren u. a. 53 % aller Teilnehmer der „Stadtwerke 2021“ dafür, die Genehmigungsverfahren zu vereinfachen, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Zugleich hat Stephanie von Ahlefeldt, Abteilungsleiterin Energiepolitik – Strom und Netze beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, eine ganz einfache Definition für die EEG-Umlage: Sie sei „Gift für die Energiewende“, stehe immer quer und könnte zukünftig z. B. staatlich finanziert werden, etwa über steigende Preise im Brennstoffemissionshandel.

Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke

Stephanie von Ahlefeldt, Abteilungsleiterin Energiepolitik – Strom und Netze beim BMWi, bezeichnete die EEG-Umlage auf der Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke 2021 als „Gift für die Energiewende“.

Stadtwerke als Motor – Klimaneutralität als strategisches Projekt

Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung der Trianel GmbH, bietet in seinem Vortrag einen optimistischen Ausblick auf den Wandel von einer fossilen zu einer dekarbonisierten Energiewirtschaft. Das massive Potential zeige sich nicht zuletzt daran, dass (wie in Kiel) 90 % der geplanten CO2-Einsparungen bis 2050 Geschäftsfelder tangieren, in denen die Stadtwerke aktiv sind (z. B. Ökostrom, klimaneutrale Fern- und Nahwärmeversorgung, EE-Heizsysteme, Gebäude und elektrische Verbraucher oder Elektrifizierung des Verkehrs). Innerhalb der Kommunen sind die Stadtwerke Drehscheiben und zentrale Ansprechpartner für das Gelingen der Klimawende.

Durch die konsequente Optimierung der eigenen Standorte, Produkte und Dienstleistungen sowie eine planvolle Unterstützung der Kommune beim Erreichen der Klimaneutralität können die Stadtwerke hier eine zentrale Rolle einnehmen. Alles Weitere ist Handwerk und professionelles, von starken Partnern begleitetes Projektmanagement.

Stadtwerke Zukunftspreis 2021 für HR App der KVV

Stadtwerke sind kreativ, innovativ, lernbereit und engagiert. Es ist sinnstiftend („purposeful“), die großen Themen unserer Zeit gemeinsam voranzutreiben. Davon zeugt auch die heutige Verleihung des Stadtwerke Zukunftspreises 2021. Unter dem Motto „Aus der Krise lernen: Resilienz als Element einer nachhaltigen Energieversorgung“ bewarben sich zahlreiche Stadtwerke aus der DACH-Region. Glücklicher Gewinner ist die Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) mit ihrer selbst entwickelten HR App, die sehr anschaulich illustriert, wie pragmatische und lebensnahe Digitallösungen auf operativer Ebene funktionieren. Die teilweise dezentral und mobil tätigen Mitarbeiter*innen können so digital mit ihrer Personalabteilung kommunizieren und einfacher kooperieren. Eine Vermarktung der App auf überregionaler Ebene ist dabei nicht ausgeschlossen. Platz 2 und 3 gehen an die Wien Energie GmbH für ihre vorbildliche Kommunikation in der Pandemie und die NEW AG, die ihre Büroorganisation smart und papierlos aufgestellt hat.

Auch 2022 gibt es wieder einen Stadtwerke Zukunftspreis – dann zum Thema „Innovative Lösungen umsetzen: Mit Vollgas und Kreativität aus der Krise“. Genug anpackende Praxisbeispiele dafür gibt es schon heute.

* Steckbrief Dr. Anke Schäfer

(Bild: privat)

– Geb. 1971 in Rostock
– PR-Beraterin, Fachjournalistin, Redakteurin, Dozentin
– Langjährige Mitarbeit in führenden Beratungsgesellschaften und Systemhäusern
– 2007 Gründung der Dr. Schäfer PR- und Strategieberatung (Fokus: Energie- und Wasserwirtschaft, ITK-Branche, Grüne Energien)
– Abschlüsse als M. A. (Anglistik/Amerikanistik und Slawistik/Russistik), Dr. phil. (Mediensprache/Rhetorik) und Diplom-Juristin

Kontakt: info@dr-schaefer-pr.de

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