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„Nicht jede Individualisierung schafft Mehrwert“

„Beim Mastersystem-Ansatz werden regulatorische Anforderungen, Marktstandards und technologische Weiterentwicklungen in einem SAP-S/4HANA-Utilities-Mastersystem bereitgestellt und kontinuierlich gepflegt“, erläutert Benedict Kock von Arvato Systems.
„Beim Mastersystem-Ansatz werden regulatorische Anforderungen, Marktstandards und technologische Weiterentwicklungen in einem SAP-S/4HANA-Utilities-Mastersystem bereitgestellt und kontinuierlich gepflegt“, erläutert Benedict Kock von Arvato Systems. (Bild: © Arvato Systems)

Zwischen Standardisierung und Differenzierung: Warum Energieversorger ihre IT-Plattformstrategie neu denken müssen

Die Umstellung auf SAP S/4HANA Utilities ist für viele Energieversorger mehr als ein IT-Projekt. Sie zwingt Unternehmen dazu, gewachsene Systemlandschaften, individuelle Erweiterungen und künftige Anforderungen neu zu bewerten. Die ENNI Energie & Umwelt Niederrhein GmbH hat sich im Zuge ihrer IT-Transformation für die Abrechnungsplattform AEP.EnerS4 von Arvato Systems entschieden. Im Interview mit energie.blog erklärt Benedict Kock, Director Energy Solutions bei Arvato Systems, warum Standardisierung und Differenzierung kein Widerspruch sein müssen und welche Rolle Plattformmodelle dabei spielen können.

Warum alte SAP-Strukturen an Grenzen stoßen

e.b: Herr Kock, viele Energieversorger arbeiten seit Jahren mit gewachsenen IT-Landschaften. Was ist daran heute problematisch?
Benedict Kock: Viele Unternehmen der Energie- und Versorgungswirtschaft verfügen über IT-Landschaften, die über Jahre gewachsen sind. SAP IS-U bildet häufig den Kern der Abrechnung, ergänzt um Erweiterungen, Schnittstellen und individuelle Anpassungen. Das war lange sinnvoll, weil Versorger auf regulatorische Änderungen, neue Marktrollen oder spezifische Anforderungen reagieren mussten. Heute führt diese Entwicklung jedoch zu hoher fachlicher und technischer Komplexität. Viele Systeme laufen zwar zuverlässig. Gleichzeitig steigt der Aufwand für Betrieb, Wartung und Weiterentwicklung.

e.b: Wo wird diese Komplexität besonders spürbar?
Benedict Kock: Vor allem bei der Veränderbarkeit. Die Branche muss immer schneller auf regulatorische Anpassungen, neue Marktprozesse, Digitalisierungsvorhaben, KI-Anwendungen oder veränderte Kundenerwartungen reagieren. Je stärker Systeme individualisiert sind, desto aufwendiger wird die Umsetzung neuer Anforderungen. Dadurch wird gewachsene Komplexität zunehmend zum Hemmschuh für Weiterentwicklung.

„Regulatorische und operative Standardprozesse müssen nicht in jedem Unternehmen individuell gelöst werden.“

S/4HANA-Migration eröffnet strategische Optionen

e.b: Warum reicht es dann nicht, die bestehende SAP-Welt einfach auf S/4HANA zu migrieren?
Benedict Kock: Weil die Umstellung auf SAP S/4HANA Utilities nicht nur ein technischer Wechsel ist. Sie bietet die Gelegenheit, grundsätzliche Fragen zu stellen: Welche Prozesse schaffen tatsächlich Differenzierung? Wo entsteht nur historisch gewachsene Komplexität? Und wie muss eine Plattform aussehen, damit sie künftige Veränderungen besser unterstützt?

e.b: Sie stellen also die Frage, welche Individualität ein Versorger wirklich braucht?
Benedict Kock: Genau. Nicht jede historische Individualisierung erzeugt strategischen Mehrwert. Entscheidend ist, welche Prozesse ein Unternehmen tatsächlich vom Wettbewerb unterscheiden. Regulatorische und operative Standardprozesse müssen nicht in jedem Unternehmen individuell gelöst werden. Dort kann Standardisierung Aufwand reduzieren. Raum bleiben muss für unternehmensspezifische Abläufe, besondere Serviceprozesse oder individuelle Geschäftsanforderungen.

Welche Individualität Energieversorger wirklich brauchen

e.b: Viele Versorger fürchten aber, dass Standardisierung ihre Handlungsspielräume einschränkt. Ist diese Sorge berechtigt?
Benedict Kock: Die Sorge ist nachvollziehbar. In vielen Transformationsprojekten wird die Diskussion noch immer als Entweder-oder-Frage geführt: maximale Standardisierung oder maximale Individualisierung. Ein modernes Plattformmodell verfolgt einen anderen Ansatz. Es standardisiert dort, wo keine Differenzierung notwendig ist, und konzentriert Ressourcen auf die Bereiche, die tatsächlich Wettbewerbsvorteile schaffen können.

e.b: Arvato Systems spricht hier vom Mastersystem-Ansatz. Was bedeutet das konkret?
Benedict Kock: Traditionell wurden häufig zentrale Templates oder Mastermandanten aufgebaut, die einzelne Unternehmen im Laufe der Zeit immer stärker angepasst haben. Dadurch entstand oft wieder genau die Komplexität, die vermieden werden sollte. Der Mastersystem-Ansatz setzt anders an: Regulatorische Anforderungen, Marktstandards und technologische Weiterentwicklungen werden in einem SAP-S/4HANA-Utilities-Mastersystem bereitgestellt und kontinuierlich gepflegt. Die Anwender profitieren dadurch von gemeinsamen Weiterentwicklungen. Zugleich soll der Aufwand für Wartung, Betrieb und regulatorische Anpassungen sinken.

„Bei ENNI ging es nicht nur um die Migration nach SAP S/4HANA Utilities. Wichtig war auch die Frage, wie künftige Anforderungen effizienter umgesetzt werden können, ohne eigene Prozesse und Besonderheiten aufzugeben.“

Wie Plattformmodelle regulatorische Änderungen erleichtern

e.b: Wie wird aus diesem Plattformgedanken ein konkretes Transformationsprojekt?
Benedict Kock: Am Anfang steht die Analyse der bestehenden Systemlandschaft. Versorger müssen klären, welche Prozesse regulatorisch oder operativ standardisiert abgebildet werden können und wo tatsächlich unternehmensspezifische Anforderungen bestehen. Erst daraus ergibt sich, wie stark ein Plattformmodell genutzt werden kann und an welchen Stellen individuelle Ausprägungen notwendig bleiben.

e.b: Welche Rolle spielte dieser Gedanke bei der Entscheidung von ENNI?
Benedict Kock: ENNI stand vor der Aufgabe, die eigene Systemlandschaft langfristig neu auszurichten. Dabei ging es nicht nur um die Migration nach SAP S/4HANA Utilities. Wichtig war auch die Frage, wie künftige Anforderungen effizienter umgesetzt werden können, ohne eigene Prozesse und Besonderheiten aufzugeben. Diese Kombination war ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung für AEP.EnerS4.

ENNI als Praxisbeispiel für AEP.EnerS4

e.b: Was bekommt ENNI mit dieser Plattform?
Benedict Kock: ENNI nutzt AEP.EnerS4 als Abrechnungsplattform auf Basis eines SAP-S/4HANA-Utilities-Mastersystems. Der standardisierte Kern soll regulatorische und technologische Weiterentwicklungen zentral abbilden. Individuelle Anforderungen können ergänzend umgesetzt werden, ohne den Kern immer weiter zu verändern.

e.b: Was können andere Energieversorger aus diesem Beispiel ableiten?
Benedict Kock: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Standardisierung und Differenzierung kein Widerspruch sein müssen. Viele Versorger sollten im Zuge der Transformation zu SAP S/4HANA Utilities prüfen, welche Prozesse wirklich individuell bleiben müssen und wo Standardisierung wirtschaftlicher ist. Wer konsequent unterscheidet, kann Komplexität reduzieren und Ressourcen auf die Bereiche konzentrieren, die für Kunden, Prozesse oder Geschäftsmodelle relevant sind.

„Unternehmen brauchen Plattformen, die sich kontinuierlich weiterentwickeln können, ohne bei jeder neuen Anforderung ein eigenes Transformationsprojekt auszulösen.“

e.b: Was ist aus Ihrer Sicht der größte strategische Vorteil eines solchen Plattformmodells?
Benedict Kock: Der größte Vorteil liegt in der Anpassungsfähigkeit. Die Energiewirtschaft wird auch in den kommenden Jahren von regulatorischen und technologischen Veränderungen geprägt sein. Unternehmen brauchen Plattformen, die sich kontinuierlich weiterentwickeln können, ohne bei jeder neuen Anforderung ein eigenes Transformationsprojekt auszulösen. Ein Plattformmodell kann Komplexität im Standard reduzieren und gleichzeitig Freiräume für individuelle Weiterentwicklung schaffen.

e.b: Was würden Sie Entscheidern raten, die ihre Transformation SAP S/4HANA Utilities noch vor allem als Pflichtprojekt betrachten?
Benedict Kock: Sie sollten die Migration nicht nur als Pflichtprojekt behandeln. Wer lediglich bestehende Strukturen in die neue Systemwelt überführt, nimmt auch alte Komplexität mit. Die S/4HANA-Utilities-Transformation ist deshalb ein guter Zeitpunkt, Prozesse, Erweiterungen und Plattformlogik neu zu ordnen.

Randnotiz

Was ist AEP.EnerS4?
AEP steht für Arvato Systems Energy Portfolio. Unter dieser Dachmarke bündelt Arvato Systems Lösungen für die Energie- und Versorgungswirtschaft. AEP.EnerS4 ist die Abrechnungsplattform des Unternehmens auf Basis von SAP S/4HANA for Utilities. Sie kombiniert einen standardisierten Kern mit zusätzlichen Services und Erweiterungen für individuelle Anforderungen.

 

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