Die Übersetzungsleistung findet im Stadtwerk statt
Es gibt Sätze, die eine Debatte ordnen: „Zur Energiewende gibt es keine vertretbare Alternative“, schreibt Dr. Kai Lobo, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), in seinem Gastbeitrag „Neustart für die Energiewende“ im vergangenen Jahr. Damit ist das Leitmotiv gesetzt und zugleich die eigentliche Frage gestellt. Denn wenn die Richtung feststeht, verschiebt sich die Auseinandersetzung weg vom „Ob“ und hin zum „Wie“.
Lobo bringt es auf den Punkt: „Ambitionierte Ziele sind gut und richtig, aber ambitioniert darf kein Synonym für unrealistisch werden.“ An dieser Nahtstelle zwischen politischem Zielbild und operativer Wirklichkeit entscheidet sich, ob die Energiewende gelingt. Und diese Nahtstelle liegt vor Ort, bei den kommunalen Unternehmen.
Die Zahlen aus der VKU-Umfrage unter 1.584 kommunalen Unternehmen sind ein deutliches Signal: Mehr als zwei Drittel halten das Klimaziel 2045 unter den aktuellen Rahmenbedingungen für unrealistisch. 47 Prozent fordern einen „Realitätscheck bei jeder Entscheidung, jedem Gesetz“, und mit Blick auf das energiepolitische Zieldreieck aus Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit votieren die meisten Befragten für eine klare Priorisierung von Bezahlbarkeit und Wirtschaftlichkeit.
Das ist eine nüchterne Bestandsaufnahme aus der Praxis. Die Energiewende scheitert selten an der Technik, die Komponenten existieren. Sie droht an der fehlenden Übersetzung zu scheitern: zwischen einer Politik, die in Zielbildern denkt, einer Regulierung, die in Absicherung denkt, und Stadtwerken, die unter realem Investitions-, Zeit-, Kosten- und Fachkräftedruck stehen. Wo diese Ebenen nicht zusammenfinden, entsteht aus Ambition keine Beschleunigung, sondern Überforderung.
Die kommunalen Unternehmen tragen diese Übersetzungsleistung. Sie sind dort, wo aus Megawatt-Zielen konkrete Hausanschlüsse, aus Förderkulissen reale Investitionsentscheidungen und aus Gesetzestexten betriebsfähige Prozesse werden müssen. Ihre Umsetzungsrealität ist kein Randaspekt der Energiewende – sie ist ihr Maßstab.
Integrator statt Einzelspartendenken
Was kommunale Unternehmen von vielen neuen Marktteilnehmern unterscheidet, ist ihre Rolle als Integrator. Sie betreiben nicht nur einzelne Sparten, sondern verbinden Netz, Vertrieb, Wärme und Mobilität unter einem Dach. Dabei sind sie nah vor Ort, genießen lokales Vertrauen und verfügen über Kenntnis der Bedürfnisse. Die Energiewende ist kein Stromthema, sie ist ein Systemthema. Elektrifizierung von Wärme und Verkehr, Lastverschiebung, Speicher und Steuerbarkeit greifen ineinander. Wer diese Felder getrennt betrachtet, optimiert Einzelteile und verschenkt das Ganze.
Diese Integrationsrolle ist Anspruch und Aufgabe zugleich. Sie auszufüllen, gelingt keinem Stadtwerk allein, dafür sind die Investitionsvolumina zu hoch, die Fachkräfte zu knapp und die regulatorische Taktung zu eng. Lobo benennt den entscheidenden Hebel: Klimaneutralität gelingt nur, „wenn wir die Kosten senken und die Prozesse der Energiewende besser aufeinander abstimmen“. Aufeinander abstimmen, das ist im Kern eine Aufforderung zur Zusammenarbeit.
Kooperation ist die eigentliche Antwort
Genau an dieser Stelle setzt die Überzeugung von smartOPTIMO an: Was ein einzelnes Stadtwerk überfordert, wird im Verbund machbar. smartOPTIMO ist 2009 als Stadtwerke-Netzwerk gegründet worden, um genau diese Bündelung zu organisieren. Heute gehören über 75 Partnerunternehmen mit mehr als 4,5 Millionen Stromzählpunkten dazu. Das Prinzip ist einfach und wirkungsvoll: Bedarfe bündeln, Erfahrungen teilen, Prozesse standardisieren und Investitionen auf mehrere Schultern verteilen. So entsteht aus vielen einzelnen Kraftanstrengungen eine gemeinsame Schlagkraft, herstellerunabhängig und auf die jeweilige Situation vor Ort zugeschnitten.
Kooperation ist dabei kein Verzicht auf Eigenständigkeit, sondern die Voraussetzung, sie zu bewahren. Wenn die Gateway-Administration (GWA), der Messstellenbetrieb oder die Aufgaben als aktiver externer Marktteilnehmer (aEMT) gemeinsam getragen werden, kann sich jedes Stadtwerk auf das konzentrieren, was es vor Ort am besten kann: Kundennähe und integrierte Angebote gestalten. Das ist gelebte Zusammenarbeit auf Augenhöhe und die wirksamste Antwort auf den von Lobo beschriebenen Kosten- und Komplexitätsdruck.
Auch die Digitalisierung gehört in diese Logik. Intelligente Messsysteme (iMSys) sind kein Selbstzweck und keine reine IT-Frage, sondern die infrastrukturelle Voraussetzung dafür, dass Flexibilität, Steuerbarkeit und neue Geschäftsmodelle überhaupt möglich werden. Ohne diese digitale Basis bleibt jede Flexibilitätsdebatte politisches Wunschdenken. Und gerade hier zeigt sich der Kooperationsgedanke besonders deutlich: Eine belastbare digitale Infrastruktur entsteht effizienter gemeinsam als im Alleingang.
Mut zur Umsetzung
Die Energiewende braucht weniger neue Zielbilder und mehr verlässliche Umsetzung. Sie braucht kommunale Unternehmen, die ihre Integratorrolle annehmen, und sie braucht Strukturen, die diese Rolle tragbar machen. Beides zusammen – Übersetzung vor Ort und Kooperation im Netzwerk – ist der realistischste Weg, ein ambitioniertes Ziel auch erreichbar zu halten.
Wie dieser Weg konkret aussieht, welche Entscheidungen Stadtwerke jetzt treffen müssen und wie das Zusammenspiel von Politik, Regulierung und Praxis gelingen kann, diskutiert Dr. Kai Lobo in seiner Keynote „Realitätscheck 2026: Marktbild, Trends & Leitplanken für Stadtwerke-Entscheidungen“ beim Forum Netz & Vertrieb von smartOPTIMO am 9. September 2026 im Alando Ballhaus in Osnabrück. Wir freuen uns auf den Austausch.
Weitere Informationen zur Veranstaltung: forum.smartoptimo.de




