S/4HANA entscheidet sich nicht nur in der IT
Wartungsende, Regulatorik, knappe Ressourcen und neue KI-Erwartungen: Die S/4HANA-Transformation trifft Versorger an mehreren Stellen zugleich. Der Gastbeitrag aus der BOOST-Community zeigt, worauf Unternehmen jetzt achten sollten, damit aus der Pflichtmigration eine tragfähige Zukunftsarchitektur wird.
Von:
Steven Braun, Geschäftsführer bei m2g-Consult GmbH
Martin Kraft, Managing Partner bei Nexus Nova
Ralf Kaiser, Gründer und Geschäftsführer von incept4
Die Energiebranche steht auch 2026 unter hohem Veränderungsdruck. Versorgungsunternehmen müssen regulatorische Anforderungen erfüllen, effizienter werden, digitale Kundenprozesse ausbauen und zugleich ihre IT-Landschaften modernisieren.
Die Transformation zu SAP S/4HANA Utilities ist deshalb längst kein reines IT-Projekt mehr. Für viele Unternehmen wird sie zu einem strategischen Programm, das Technologie, Organisation, Prozesse und Regulierung gleichzeitig berührt. Aus Sicht der BOOST-Community, einem Zusammenschluss von SAP-Beratungshäusern mit Fokus auf die Energiewirtschaft, entscheiden 2026 vor allem sechs Herausforderungen darüber, ob S/4HANA-Programme stabil und wirksam umgesetzt werden.
1. Der richtige Transformationsansatz
Eine zentrale Entscheidung fällt zu Beginn: Welcher Transformationsansatz passt zum Unternehmen?
In der Praxis wird diese Frage häufig zu technisch oder zu ideologisch beantwortet. Der Greenfield-Ansatz verspricht einen sauberen Neustart und hohe Standardisierung. Selektive Datentransformationen sollen Alt- und Neuwelt gezielt miteinander verbinden. Beide Wege können sinnvoll sein. Beide sind aber auch aufwendig, kostenintensiv und risikobehaftet.
Gerade in der Energiewirtschaft mit komplexen Prozessen, historisch gewachsenen Systemlandschaften und regulatorischen Besonderheiten braucht es deshalb einen nüchternen Blick. Für viele Unternehmen kann ein hybrider Brownfield-Ansatz der praktikablere Weg sein. Er verbindet eine beschleunigte technische Conversion mit der Möglichkeit, ausgewählte Prozesse, Datenstrukturen und Organisationsbereiche gezielt zu verbessern.
Entscheidend ist, den Transformationsansatz nicht als Glaubensfrage zu behandeln, sondern als Architekturentscheidung. Dafür braucht es früh eine belastbare Zielbilddiskussion, eine realistische Bewertung von Zeit, Budget und internen Kapazitäten sowie eine klare Unterscheidung zwischen dem, was neu gedacht werden muss, und dem, was bewusst übernommen werden kann.
Die Frage sollte nicht lauten, welcher Ansatz theoretisch am saubersten ist. Sondern: Welcher Weg bringt das Unternehmen mit vertretbarem Risiko in eine tragfähige S/4HANA-Utilities-Welt?
2. Technologie allein reicht nicht
Viele Programme starten als technologische Erneuerung. Die technische Migration nach SAP S/4HANA ist jedoch nur ein Teil der Aufgabe. Die größere Herausforderung besteht darin, die künftige Systemlandschaft so aufzubauen, dass sie neue Anforderungen und Innovationen aufnehmen kann.
2026 reicht es nicht mehr aus, nur das Kernsystem zu modernisieren. Die Ziellandschaft muss auch auf SAP-nahe Plattform- und Erweiterungsszenarien vorbereitet sein, etwa rund um SAP BTP und Side-by-Side-Entwicklungen. Auch Themen wie SAP BDC, SAP CDP oder SAP DER gewinnen in vielen Versorgungsunternehmen an Bedeutung.
Hinzu kommt das wachsende Interesse an KI-gestützten Anwendungen. Lösungen wie Joule wecken Erwartungen an mehr Produktivität, bessere Entscheidungsunterstützung und stärkere Automatisierung. Diese Potenziale lassen sich aber nur nutzen, wenn Prozesse, Datenqualität, Rollenmodelle und Systemintegration darauf vorbereitet sind.
Technologieentscheidungen sollten deshalb aus einem Zielbild für die künftige Business- und IT-Fähigkeit abgeleitet werden. Dazu gehört, technische Schulden sichtbar zu machen, Schnittstellen sauber zu planen und Erweiterungen architektonisch vorzubereiten. Wer heute transformiert, sollte nicht nur an das Zielsystem denken, sondern an die Innovationsfähigkeit der nächsten Jahre.
Was hinter den SAP-Begriffen steckt
SAP BTP
Die SAP Business Technology Platform ist eine technische Plattform für Erweiterungen, Integrationen, Datenmanagement und Anwendungen rund um SAP-Systeme. Für Versorger ist sie vor allem relevant, wenn neue Funktionen nicht direkt im Kernsystem entwickelt, sondern als ergänzende Anwendungen angebunden werden sollen.
Side-by-Side-Entwicklung
Damit sind Erweiterungen gemeint, die nicht tief im SAP-Kernsystem gebaut werden, sondern daneben laufen und über Schnittstellen angebunden werden. Der Vorteil: Das Kernsystem bleibt stabiler und künftige Updates lassen sich leichter einspielen.
SAP BDC
SAP Business Data Cloud ist eine Cloud-Lösung, mit der SAP-Daten vereinheitlicht, verwaltet und mit externen Daten verbunden werden können. Ziel ist es, Daten für Analysen, Entscheidungen und KI-Anwendungen besser nutzbar zu machen.
SAP CDP
Die SAP Customer Data Platform bündelt Kundendaten aus verschiedenen Quellen. Unternehmen können damit ein einheitlicheres Bild ihrer Kunden gewinnen und digitale Kundeninteraktionen gezielter steuern. Für Energieversorger kann das etwa bei Serviceprozessen, Portalen oder personalisierten Angeboten relevant werden.
SAP DER
SAP Distributed Energy Resources richtet sich an die Integration dezentraler Energieanlagen. Gemeint sind etwa Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wallboxen oder Wärmepumpen. SAP beschreibt DER vor allem als Plattform zur Datenorchestrierung und Integration, nicht als operatives Leitsystem.
Joule
Joule ist der KI-Assistent von SAP. Er soll Nutzerinnen und Nutzer in Geschäftsprozessen unterstützen, Informationen bereitstellen und Aufgaben automatisieren. Damit solche Anwendungen sinnvoll funktionieren, brauchen Unternehmen strukturierte Prozesse, belastbare Daten und klare Rollenmodelle.
3. Ressourcen werden zum Nadelöhr
Kaum ein Transformationsprojekt scheitert daran, dass die Notwendigkeit nicht erkannt wird. Häufiger scheitert es an der Realisierbarkeit unter den gegebenen Rahmenbedingungen.
Der Ressourcenmangel ist 2026 eines der größten Risiken für SAP S/4HANA-Utilities-Transformationen. Gemeint sind nicht nur externe Beraterkapazitäten, sondern vor allem interne Schlüsselrollen: Fachbereichsvertreter, Prozessverantwortliche, IT-Architekten, Testverantwortliche und Entscheidungsträger.
Hinzu kommt: Transformationsprogramme laufen selten im leeren Raum. Parallel stehen regulatorische Projekte, Marktanforderungen, Plattforminitiativen, Datenprogramme oder sicherheitsrelevante Vorhaben an. Gerade in der Energiewirtschaft lassen sich regulatorische Themen häufig nicht verschieben. Sie haben feste Fristen und konkurrieren mit der Transformation um dieselben Experten, Budgets und Management-Aufmerksamkeit.
Hier helfen keine Appelle, sondern nur konsequente Portfoliosteuerung. Transformation und regulatorische Vorhaben müssen gemeinsam geplant werden. Dazu gehören ein integriertes Projektportfolio, klare Managemententscheidungen zur Ressourcenzuteilung, realistische Verfügbarkeitsprüfungen und die gezielte Entlastung von Schlüsselpersonen im Tagesgeschäft.
Externe Unterstützung kann dabei helfen. Sie sollte aber nicht nur als Kapazitätserhöhung verstanden werden, sondern als Ergänzung fehlender Spezialisierung und methodischer Erfahrung. Die zentrale Erkenntnis lautet: Nicht die Anzahl der Projekte ist das Problem, sondern das Fehlen einer übergeordneten Steuerung zwischen Transformation, Regulatorik und Betriebsrealität.
4. Transformation ist auch Change
Ein SAP S/4HANA-Utilities-Programm wird häufig in technischen Meilensteinen geplant: Vorstudie, Design, Build, Test, Migration, Go-live. Die eigentliche Erfolgsfrage lautet jedoch: Nimmt die Organisation die Veränderung an?
Viele Transformationen werden erschwert, weil sie weiterhin als IT-Projekte verstanden werden. Tatsächlich verändern sie Prozesse, Rollen, Verantwortlichkeiten und Arbeitsweisen. Das gilt besonders für Versorgungsunternehmen, deren Prozesse stark spezialisiert und über Jahre stabilisiert wurden.
Mit der Transformation ändern sich nicht nur Systeme, sondern auch Routinen. Entscheidungen werden transparenter, Standards verbindlicher und Ausnahmen sichtbarer. Das kann Widerstände auslösen. Nicht zwingend aus Verweigerung, sondern häufig aus Unsicherheit. Mitarbeitende fragen sich, was künftig von ihnen erwartet wird, welche Freiräume bleiben und wie sich ihr Arbeitsalltag verändert.
Wird dieser Aspekt unterschätzt, zeigen sich typische Folgen: geringe Beteiligung, späte Eskalationen, schwache Testqualität, Akzeptanzprobleme nach dem Go-live und ein Rückfall in alte Arbeitsmuster.
Transformationen sollten deshalb von Beginn an als Change-Management-Projekte aufgesetzt werden. Dazu gehören ein verständliches Zielbild, die aktive Einbindung der Fachbereiche, transparente Kommunikation über Entscheidungen und Auswirkungen sowie ein strukturierter Ansatz für Schulung und Befähigung.
Besonders wirksam ist es, früh Multiplikatoren aus den Fachbereichen aufzubauen. Sie übersetzen das Projekt in die Sprache des Betriebs, schaffen Vertrauen und helfen, Widerstände konstruktiv zu adressieren. Der Go-live eines Systems ist nicht das Ende der Transformation. Erst wenn die Organisation anders arbeitet, ist sie wirklich gelungen.
5. KI-Potenziale brauchen saubere Grundlagen
In vielen Programmen dominiert noch immer eine Defensivlogik: Die Transformation ist nötig, weil Wartung endet, technische Anforderungen steigen oder regulatorische Vorgaben umgesetzt werden müssen. Diese Sichtweise greift zu kurz.
S/4HANA-Transformationen können auch genutzt werden, um Prozesse zu vereinfachen, Daten besser verfügbar zu machen und spätere KI-Anwendungen vorzubereiten. Mit Joule und anderen KI-nahen Innovationen entsteht in der SAP-Welt ein neuer Erwartungshorizont. Die Perspektive ist attraktiv: schnellere Informationsbereitstellung, automatisierte Vorarbeiten, bessere Nutzerunterstützung und höhere Produktivität in Support-, Analyse- und Fachprozessen.
Doch KI wirkt nicht im luftleeren Raum. Schlechte Prozesse werden durch KI nicht gut. Sie werden nur schneller sichtbar. Deshalb geht es nicht darum, möglichst früh einzelne KI-Anwendungsfälle zu präsentieren. Entscheidend ist, mit der Transformation die Voraussetzungen zu schaffen: saubere End-to-End-Prozesse, konsistente Daten, klare Verantwortlichkeiten und eine Architektur, die Innovation nicht blockiert.
Ein pragmatischer Ansatz ist oft wirksamer als große Innovationsversprechen. Unternehmen sollten prüfen, welche Prozesse im Zuge der S/4HANA-Einführung sinnvoll vereinfacht werden können, wo Datenzugriffe verbessert werden müssen und welche Pilotfelder für KI tatsächlich tragfähig sind.
6. Housekeeping nicht unterschätzen
Ein Klassiker und trotzdem eines der am häufigsten unterschätzten Themen ist Housekeeping.
Viele Unternehmen wissen, dass Datenqualität wichtig ist. In der Praxis werden Stammdaten, Bewegungsdaten, Altlasten und offene Klärfälle aber oft zu spät oder zu unkoordiniert angegangen. Die Folgen zeigen sich im Projektverlauf: fehlerhafte Migrationen, aufwendige Korrekturen, schwache Testergebnisse, Sonderlösungen und Diskussionen über Datenverantwortung.
Gerade in Utilities-Umgebungen ist das kritisch. Historisch gewachsene Datenbestände, komplexe Marktrollen, abrechnungsrelevante Informationen und systemübergreifende Abhängigkeiten machen die Datenbasis zu einem zentralen Erfolgsfaktor jeder Transformation.
Offene Klärfälle wirken dabei wie ein Multiplikator für Komplexität. Was im Bestandssystem über Jahre geduldet oder manuell umgangen wurde, wird im Transformationsprojekt plötzlich sichtbar. Dadurch steigen Aufwand, Verzögerungsrisiko und Qualitätsdruck.
Housekeeping muss deshalb als eigenes Teilprojekt mit Priorität behandelt werden. Erfolgreiche Programme machen Datenqualitätsprobleme früh transparent, verankern Datenverantwortung organisatorisch, definieren klare Bereinigungsstrategien und bauen offene Klärfälle systematisch ab.
Wichtig ist, Housekeeping nicht allein technisch zu betrachten. Datenprobleme sind fast immer auch Prozess- und Verantwortungsprobleme. Neben Tools und Analysen braucht es deshalb klare Zuständigkeiten und Management-Aufmerksamkeit.
Fazit: Pragmatismus, Priorität und Perspektive
SAP S/4HANA-Utilities-Transformationen sind 2026 weit mehr als Systemumstellungen. Sie finden in einem Umfeld statt, in dem Technologie, Regulatorik, Ressourcenknappheit und organisatorischer Wandel gleichzeitig wirken.
Erfolgreiche Programme brauchen deshalb vor allem drei Dinge: Pragmatismus bei der Wahl des Transformationsansatzes, Priorität in der Steuerung von Ressourcen und Projektportfolio sowie Perspektive beim Aufbau einer zukunftsfähigen Architektur.
