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Fernwärmeversorgung in Bad Neuenahr-Ahrweiler erweist sich nach der Flutkatastrophe als überaus resilient

Fernwärmeversorgung
So sah die Fernwärmeleitung unter der Casinobrücke in Bad Neuenahr-Ahrweiler unmittelbar nach der Inbetriebnahme im Jahr 2017 aus. Brücke und Leitung wurden von den Fluten weggerissen und zerstört. (Bilder: Ahrtal-Werke GmbHl)

Fernwärmeversorgung war innerhalb weniger Tage wiederhergestellt

Rund acht Monate ist es her, dass eine gewaltige Flutwelle die Menschen im Ahrtal in eine nie dagewesene Katastrophe stürzte. 134 Menschen verloren darin ihr Leben. Das Beseitigen der materiellen Schäden wird Jahre dauern. Erstaunlicherweise war die Fernwärmeversorgung in Bad Neuenahr-Ahrweiler die erste Versorgungsinfrastruktur, die wieder funktionierte. Keine Woche nach dem Unglück konnten alle nicht beschädigten Gebäude wieder mit Fernwärme beliefert werden. Auch den – glücklicherweise milden – Winter 2021/22 haben die Menschen in der Rheinland-pfälzischen Stadt glimpflich überstanden. Die Ahrtal-Werke GmbH, der örtliche Versorger, leistete und leistet dabei mit bundesweiter Unterstützung anderer EVU hervorragende Arbeit.

Dass Hochwasser im Ahrtal drohte, war klar gewesen. Dass es in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 apokalyptische Ausmaße annehmen könnte, hatten die wenigsten erwartet. Zuvor waren innerhalb von 24 Stunden in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mehr als 100 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Böden und Gewässer waren den ungeheuren Wassermengen nicht gewachsen. Seit Menschengedenken war der Ahr-Pegel bei Hochwasser nie über 3,90 Meter geklettert. In der Katastrophennacht erreichte der Pegel in Bad Neuenahr-Ahrweiler ein Maximum von über acht Metern. Die reißende Strömung entwickelte ungeheure Zerstörungskraft. Die Wassermassen kamen zudem in Wellen: Wenn stromaufwärts eine Brücke weggespült wurde – mehr als 60 wurden zerstört – ergossen sich die aufgestauten Fluten mit umso größerer Wucht talabwärts. Der Scheitel der Welle wurde nachts um 2.00 Uhr registriert. Viele Menschen überraschte das Extremhochwasser im Schlaf.

 

Fernwärmeversorgung

Nachdem der Pegel der Ahr wieder sank, wurde das Ausmaß der Zerstörung sichtbar: im Bild die Landgrafenbrücke in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Erst Wochen später war das gesamte Ausmaß der Katastrophe aktenkundig: Von den 56.000 Menschen im überfluteten Bereich waren rund 42.000 direkt betroffen. Etwa 17.000 Ahrtal-Bewohner verloren ihr gesamtes Hab und Gut. 3.000 Gebäude im unmittelbaren Flutgebiet wurden beschädigt, knapp 470 komplett zerstört. Am schlimmsten: Mindestens 134 Personen kam in den Fluten um. 766 Personen wurden nach offizieller Zählung verletzt, viele durch das Erlebte traumatisiert.
Weitere Infos: > https://hochwasser-ahr.rlp.de/de/startseite/

Immense Schäden auch an der Versorgungsinfrastruktur

Auch die Ahrtal-Werke GmbH stand vor einer nie gekannten Herausforderung. Strom- und Wärmeversorgung waren in der Unglücksnacht nahezu komplett ausgefallen bzw. rechtzeitig abgeschaltet worden. Kabelverteilerschränke nahe der Ahr und Versorgungsleitungen im Bereich von Brücken wurden weggerissen und fortgespült. Das Verwaltungsgebäude der Ahrtal-Werke stand unter Wasser, auch die Blockheizkraftwerke der Ahrtal-Werke waren mannshoch überflutet. Die Mitarbeiter vor Ort konnten sich in der Unglücksnacht nur noch selbst in Sicherheit bringen. Die Energienetze Mittelrhein GmbH & Co. KG als Betreiberin des Gasnetzes im Ahrtal, verlor Teile der Gashochdruckleitung. Fernwärmeversorgung und eigene Stromerzeugung der Ahrtal-Werke waren somit auch mangels Brennstoffversorgung lahmgelegt.

Fernwärmeversorgung

Freigespülte und beschädigte Versorgungsleitungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

„Wir hatten am Vorabend schon geahnt, dass es Hochwasserprobleme geben könnte, jedoch konnten wir mit Unterstützung unseres Servicepartners, der Stadtwerke Schwäbisch Hall, rechtzeitig Maßnahmen ergreifen“, erinnert sich Dirk Janßen, Bereichsleiter Kraftwerke/Fernwärme der Ahrtal-Werke. Die Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH als kommunaler Versorger hat die Ahrtal-Werke 2010 mitgegründet und aufgebaut, hält 49 % ihrer Unternehmensanteile, erbringt diverse kaufmännische Services für das Beteiligungsunternehmen und steuert in seiner Netzleitwarte auch die Strom- und Wärmenetze in der Kurstadt. „Zusammen mit den Kollegen in Bad Neuenahr haben wir rechtzeitig Pläne entwickelt, die Strom- und Wärmeversorgungsinfrastruktur vorsorglich abzuschalten“, erinnert sich Lutz Rappold, Abteilungsleiter Netzservice der Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH. Im Bereich der dezentralen Wärmeversorgung war dies der Schlüssel zur raschen Wiederinbetriebnahme.

Dezentrale Fernwärmeversorgung mit flexiblen Maßnahmen wiederhergestellt

„Wir haben die Anlagen an entscheidenden Stellen rechtzeitig abgeschiebert und gefährdete Netzabschnitte somit außer Betrieb genommen“, erinnert sich Dirk Janßen. „Durch dieses Vorgehen konnten wir eine komplette Zerstörung bzw. ein Leerlaufen des Fernwärmenetzes verhindern. Wir haben das Netz für den provisorischen Weiterbetrieb in Wärmeinseln aufgeteilt, die separat gesteuert werden können. In Mitleidenschaft gezogene Übergabestationen konnten durch den Austausch defekter Teile sehr schnell wieder funktionstüchtig gemacht werden. Nur fünf Tage nach Eintritt der Flutkatastrophe konnten wir alle Kunden wieder vollumfänglich mit Wärme versorgen.“

Dass dies dennoch ein großer Kraftakt war, verdeutlich auch ein Blick auf die beiden Erzeugungsstandorte der Ahrtal-Werke. Die neu errichtete KWK-Anlage an der Kreuzstraße wurde zerstört. Der Standort konnte erst Anfang Dezember durch die Inbetriebnahme des zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe noch nicht gelieferten Zweitmoduls wieder in Betrieb gehen. Am Dahlienweg gingen die beschädigten Anlagen in die Revision. Dort und an anderen Stellen im Netz übernahmen Heizkessel die Wärmeversorgung. Als Interimsbrennstoffe dienten Heizöl und Flüssiggas. Auf eine Holzpellet-Feuerung – zwischenzeitlich als Option diskutiert – konnte verzichtet werden. Mittlerweile ist die normale Gasversorgung für die Erzeugungsanlagen wiederhergestellt.

Ahrtal-Werke überzeugen weitere Kunden von Fernwärme

Haushalten mit Öl- oder Gasheizung, deren Anlagen zerstört oder mangels Gaslieferung nicht mehr betrieben werden konnten, boten die Ahrtal-Werke einen Fernwärmeanschluss bzw. eine Interimswärmeversorgung über den kommenden Winter per Hot-Mobile an. Das Angebot stieß und stößt auf lebhaftes Interesse. Thomas Hoppenz, Geschäftsführer der Ahrtal-Werke: „Bislang hatten wir rund 500 Haushalte an unser Wärmenetz angeschlossen, im Zuge der Flutkatastrophe konnten wir etwa 150 weiteren Anschlusspunkten eine Versorgung sichern.“

Auf den raschen Wiederaufbau der Energieversorgung in Bad Neuenahr-Ahrweiler – > die weitaus stärker in Mitleidenschaft gezogene Stromversorgung funktionierte nach rund fünf Wochen wieder – ist man bei den Ahrtal-Werken und den Stadtwerken Schwäbisch Hall zurecht stolz. Lob ist allerdings der gesamten Versorgerbranche zu zollen: Mehr als 100 EVU aus ganz Deutschland stellten Personal, Material und Technik für den Wiederaufbau der Energieversorgungsinfrastrukturen im Ahrtal zur Verfügung. Das kleine Team der Ahrtal-Werke koordinierte vor Ort in der Spitze zeitgleich bis zu 120 externe Kräfte. Thomas Hoppenz: „Wir bedanken uns bei allen Helfern ganz herzlich. Ohne diese Solidarität und so großes Engagement wäre die Versorgungslage vor Ort viel länger weit prekärer gewesen. Besonderer Dank und Respekt gilt auch allen Mitarbeitenden in Schwäbisch Hall, die bei der Bewältigung der Hochwasserfolgen im Hintergrund hervorragende Arbeit geleistet haben.“

Fernwärmeversorgung erweist sich als überaus resilient

Unabhängig von aller Tragik und Dramatik hat die Hochwasserkatastrophe für Thomas Hoppenz eine wichtige Erkenntnis zutage gefördert bzw. seine Überzeugung bestärkt: „Eine dezentral organisierte Fernwärmeversorgung ist sehr störungssicher und weist eine viel höhere Resilienz auf, als vielfach unterstellt wird. Der große Vorteil ist das hohe Maß an Flexibilität – bedingt dadurch, dass Wärme aus beliebigen Energieträgern in verschiedenen Erzeugungsanlagen an ausgewählten Standorten im Netz bedarfsgerecht erzeugt und eingespeist werden kann.“

Autor: Gerhard Großjohann

Der Bericht spiegelt des Status Quo Anfang März 2022.

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