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Zehn Jahre BO4E: Brauchen wir den Standard noch – oder brauchen wir ihn gerade jetzt?

Peter Martin Schroer, Vorsitzender der Interessengemeinschaft, spricht darüber, warum die BO4E gerade jetzt an Bedeutung gewinnen.
„Wir sind 2016 mit dem Ziel gestartet, einen unabhängigen Kommunikationsstandard für die Energiewirtschaft zu etablieren“, sagt Peter Martin Schroer von der Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft. (Bild: © Interessensgemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft)

„Damals waren wir elf Gründungsunternehmen. Heute sind es 20 Mitglieder“

Digitale Prozesse in der Energiewirtschaft scheitern oft nicht an einzelnen Anwendungen, sondern an den Schnittstellen dazwischen. Die Interessengemeinschaft Geschäftsobjekte Energiewirtschaft e. V. will das mit den Business Objects for Energy, kurz BO4E, ändern. Seit 2016 entwickelt der gemeinnützige Verein branchenspezifische Geschäftsobjekte, mit denen Softwarelösungen leichter miteinander kommunizieren sollen. Zum zehnten Geburtstag spricht Peter Martin Schroer, Vorsitzender der Interessengemeinschaft, im energie.blog über offene Standards, proprietäre Systemwelten und die Frage, warum die BO4E aus seiner Sicht gerade jetzt an Bedeutung gewinnen.

Zehn Jahre offene Standards

e.b.: Herr Schroer, die BO4E-Interessengemeinschaft wird zehn Jahre alt. Herzlichen Gückwunsch! Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Peter Martin Schroer: Kaum zu glauben, aber wahr, dass schon zehn Jahre vergangen sind. Der Erfolg unseres gemeinnützigen Vereins war von Anfang an Teamwork. Deshalb gebe ich den Glückwunsch gerne an alle Mitglieder, Förderer und Weggefährten weiter. Die Wegstrecke war eher steinig als einfach. Wir sind mit einer kleinen Gruppe und einer damals durchaus revolutionären Idee gestartet. Trotzdem zeigt die Entwicklung nach oben. Darauf sind wir ein bisschen stolz. Vor allem motiviert es uns, weiterzumachen.

Mehr Freiheit bei der Softwarewahl

e.b.: Was war an der Idee aus Ihrer Sicht so grundlegend neu?
Peter Martin Schroer: Wir sind 2016 mit dem Ziel gestartet, einen unabhängigen Kommunikationsstandard für die Energiewirtschaft zu etablieren. Damals waren wir elf Gründungsunternehmen. Heute sind es 20 Mitglieder.

Im Kern geht es um branchenspezifische, normierte Datenobjekte. Sie sollen individuell entwickelte und proprietäre Schnittstellen ersetzen. Für Nicht-Software-Experten klingt das zunächst abstrakt. Eigentlich ist der Gedanke aber einfach: Wenn Anwendungen dieselbe Sprache sprechen, lassen sie sich schneller und einfacher miteinander verbinden.

Auf Basis von BO4E entstehen Standardschnittstellen zwischen Software-Applikationen. Das reduziert Aufwand, Kosten und Risiken beim Aufbau digitaler Strukturen. Für Energieversorger bedeutet das mehr Flexibilität. Sie können Softwareprodukte unterschiedlicher Anbieter leichter in ihre IT-Architektur integrieren und müssen nicht aus Sorge vor Inkompatibilitäten in einer bestehenden Systemwelt bleiben.

Proprietäre Strukturen bremsen die Branche

Mit unserer Devise „Keine individuellen Schnittstellen mehr“ stoßen wir auch Anbieter vor den Kopf, deren Geschäftsmodell stark auf der Programmierung solcher Schnittstellen beruht. Wenn Business Objects diese Arbeit teilweise überflüssig machen, ist deren Zurückhaltung verständlich. Ich bin aber überzeugt, dass proprietäre Strukturen die Branche auf Dauer ausbremsen.

e.b.: Sie sprechen damit auch die Abhängigkeit von bestehenden IT-Systemen an. Wo sehen Sie das Problem?
Peter Martin Schroer: Diese Form von Entscheidungsfreiheit, wie wir sie propagieren, ist nicht überall gewollt. Die deutsche Energiewirtschaft neigt noch immer zu monolithischen Strukturen. Ich spreche hier von „konservativ statt innovativ“.

Es gibt große Softwarehäuser, die nach dem Full-Service- und Closed-Shop-Prinzip möglichst viele Funktionen aus einer Hand anbieten. Reicht das eigene Portfolio nicht aus, schließen sich Anbieter mit anderen Unternehmen zu Gruppen zusammen. Innerhalb dieser Gruppen findet der Datenaustausch dann häufig wieder in geschlossenen Systemen statt, die von außen schwer zugänglich sind.

Für ein Energieversorgungsunternehmen kann das bedeuten: Einmal Kunde, immer Kunde. Aus solchen Strukturen auszubrechen, wird schwierig oder sogar als unmöglich empfunden.

Hinzu kommt: Mit unserer Devise „Keine individuellen Schnittstellen mehr“ stoßen wir auch Anbieter vor den Kopf, deren Geschäftsmodell stark auf der Programmierung solcher Schnittstellen beruht. Wenn Business Objects diese Arbeit teilweise überflüssig machen, ist deren Zurückhaltung verständlich. Ich bin aber überzeugt, dass proprietäre Strukturen die Branche auf Dauer ausbremsen.

Integration darf nicht zur Abhängigkeit werden

e.b.: Große integrierte Plattformen können aus Sicht vieler Unternehmen aber auch Komplexität reduzieren. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen sinnvoller Integration und problematischer Abhängigkeit?
Peter Martin Schroer: Natürlich können integrierte Plattformen Vorteile haben. Problematisch wird es aus meiner Sicht dann, wenn Anwender kaum noch Wahlfreiheit haben. Die Digitalisierung schreitet unaufhörlich voran. Das sehen wir an vielen Themen: dynamische Tarife, Energy Sharing, neue Speichertechnologien, Elektromobilität, E-Rechnungen, Chatbots im Kundenservice oder Künstliche Intelligenz.

All diese Entwicklungen brauchen Software, die neue Funktionen schnell abbilden kann. Kein Anbieter ist dazu dauerhaft alleine in der Lage. Deshalb brauchen wir Spezialisten, die sich auf einzelne Kerngebiete konzentrieren und dort gute Lösungen entwickeln.

Für Energieversorger wird es entscheidend, solche Speziallösungen mit möglichst wenig Schnittstellenaufwand in bestehende Systeme einbinden zu können. Genau hier setzen die BO4E an. Softwarehäuser können sich stärker auf die Entwicklung ihrer Anwendungen konzentrieren, statt immer wieder individuelle Schnittstellen bauen zu müssen. Energieversorger gewinnen mehr Auswahlmöglichkeiten.

BO4E als Open-Source-Standard

Viele Mitgliedsunternehmen nutzen BO4E-taugliche Strukturen bereits im Hintergrund ihrer eigenen Produkte.

e.b.: Was versprechen sich die Mitglieder der Interessengemeinschaft konkret von BO4E?
Peter Martin Schroer: Unsere Mitglieder sehen das Potenzial, das mit der Standardisierung von Schnittstellen verbunden ist. Sie wollen die Zahl und Komplexität individueller Schnittstellen reduzieren und dadurch effizienter und kundenorientierter arbeiten. Der Informationsaustausch zwischen Applikationen und Objekten nimmt stark zu. Mit bilateralen Schnittstellen lässt sich diese Komplexität auf Dauer kaum bewältigen. Die BO4E erleichtern die Programmierarbeit, weil grundlegende Geschäftsobjekte bereits standardisiert vorliegen.

Wichtig ist auch: Ein Unternehmen muss nicht Mitglied der Interessengemeinschaft sein, um BO4E zu nutzen. Die Business Objects sind Open Source. Sie sind offen und kostenlos zugänglich und können auf GitHub eingesehen und weiterentwickelt werden.

Dass sich Unternehmen trotzdem für eine Mitgliedschaft entscheiden, hat andere Gründe. Sie tauschen sich mit Gleichgesinnten aus, bringen eigene Anforderungen ein, stoßen neue Business Objects oder Updates an und profitieren früh von Weiterentwicklungen. Viele Mitgliedsunternehmen nutzen BO4E-taugliche Strukturen bereits im Hintergrund ihrer eigenen Produkte.

Mehr Anwendungen, mehr Sichtbarkeit

e.b.: Trotz dieser Vorteile ist BO4E bislang kein flächendeckender Branchenstandard geworden. Woran liegt das?
Peter Martin Schroer: Ein wichtiger Grund ist, dass die Arbeit an BO4E ehrenamtlich erfolgt. Die Beteiligten engagieren sich neben ihrem Tagesgeschäft. Das ist anspruchsvoll und verlangsamt Entwicklungen.

Trotzdem hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan. Es wurden neue Business Objects entwickelt, Einsatzbereiche definiert und Workshops institutionalisiert. Mit unserem wissenschaftlichen Beirat, Professor Bodo Kraft von der Fachhochschule Aachen, haben wir außerdem ein KI-Projekt gestartet. Dabei geht es um Adapter, mit denen Software-Applikationen schneller an den BO4E-Standard angepasst werden können.

Die Nutzbarkeit des Standards verbessert sich also. Gleichzeitig sind wir noch immer vergleichsweise klein. Manche Marktteilnehmer unterschätzen unsere Initiative vermutlich oder nehmen sie nicht wahr. Andere sehen sehr genau, welches Veränderungspotenzial in offenen Standards liegt. Dass uns Gegenwind begegnet, kann man auch als Zeichen dafür verstehen, dass die BO4E relevant sind.

Zehn Jahre sind erst der Anfang

e.b.: Die Leitfrage zum Jubiläum lautet: Braucht die Energiewirtschaft BO4E noch oder braucht sie den Standard gerade jetzt?
Peter Martin Schroer: Wir brauchen den Standard mehr denn je. Der freie Austausch von Daten wird in der Energiewirtschaft immer wichtiger. Aus meiner Sicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser Gedanke stärker durchsetzt.

Derzeit sehen wir vor allem bei kleineren und beweglicheren Stadtwerken mit kurzen Entscheidungswegen Interesse. Dort können BO4E-kompatible Anwendungen besonders gut an neue Geschäftsfelder andocken. Gleichzeitig werden auch immer mehr Softwarehäuser neugierig auf den Standard und fragen eine Mitgliedschaft in unserer Interessengemeinschaft an.

Zehn Jahre BO4E sind respektabel. Aber aus meiner Sicht stehen wir eher am Anfang als am Ende dieser Entwicklung. Die digitale Energiewirtschaft wird vielfältiger und komplexer. Deshalb muss sie Informationsflüsse erleichtern. Ich sehe dazu keine Alternative.

 

 

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