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„Der OT-Leitstand soll fachliche Bewertungen, technische Entscheidungen und organisatorische Anforderungen aufeinander abstimmen“
Dezentrale Einspeisung, Eingriffe in den Netzbetrieb – etwa durch Redispatch-Maßnahmen – sowie steigende Anforderungen an IT-Sicherheit und Regulierung bestimmen zunehmend den Betrieb von Energieanlagen und Netzen. Im Alltag müssen kontinuierlich neue Vorgaben umgesetzt, abgestimmt und dokumentiert werden, oft parallel und über mehrere Verantwortungsbereiche hinweg. Im Interview mit energie.blog erläutert Christopher Gasteier, Teamleiter Business Development OT bei Controlware, wie der OT-Leitstand als integratives Betriebsmodell dabei unterstützen kann.
e.b: Warum stehen technische Maßnahmen im Anlagen- und Netzbetrieb heute seltener für sich allein?
Christopher Gasteier: Sobald an Steuerungen, Kommunikationswegen oder Zugriffsrechten im Netzbetreib etwas geändert wird, betrifft das nicht nur die unmittelbare Funktion der Einzelkomponenten. Gleichzeitig sind Monitoring, Protokollierung, Freigaben, Sicherheitskonzepte und Nachweisführung berührt. Genau daran wird sichtbar, wie sich die Abläufe verändert haben: Umsetzung, fachliche Einordnung und Dokumentation laufen nicht mehr nacheinander, sondern parallel.
Technische Eingriffe werden zum Abstimmungsfall
e.b: Wo entsteht daraus der größte zusätzliche Aufwand?
Christopher Gasteier: Vor allem an den Übergängen. Zwischen Planung und Betrieb, zwischen Primärtechnik und nachgelagerten IT-Systemen, zwischen technischer Bewertung und formaler Freigabe. Die dafür relevanten Informationen sind in der Regel vorhanden, liegen allerdings in unterschiedlichen Systemen, Dokumentationen und Verantwortungsbereichen. Im laufenden Betrieb müssen diese Informationen zunächst zusammengeführt und für die konkrete Maßnahme bewertet werden, bevor nächste Schritte erfolgen können. Genau dieser Abstimmungsaufwand bindet Zeit und Ressourcen.
e.b: Warum zeigt sich diese Situation gerade in integrierten OT- und IT-Umgebungen besonders deutlich?
Christopher Gasteier: Der Grund liegt in den übergreifenden Auswirkungen von Änderungen. Steuerungs- und Prozesssysteme sind in vielen Energieinfrastrukturen heute mit IP-basierten IT-Strukturen verbunden. Dadurch reichen Anpassungen nicht mehr nur in einen abgegrenzten technischen Bereich hinein. Sie betreffen mehrere Systeme und Zuständigkeiten gleichzeitig und müssen entsprechend gemeinsam bewertet und umgesetzt werden.
Sicherheit wird Teil des laufenden Betriebs
e.b: Welche Rolle spielen dabei Sicherheitsanforderungen und Regulierung?
Christopher Gasteier: Sicherheitsanforderungen und regulatorische Vorgaben bilden im Anlagen- und Netzbetrieb einen verbindlichen Rahmen. Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen technische Systeme und organisatorische Abläufe so ausrichten, dass Verfügbarkeit, Integrität und Nachvollziehbarkeit dauerhaft gewährleistet sind und gegenüber Aufsichtsstellen belegt werden können. Mit dem IT-Sicherheitsgesetz 2.0, der NIS2-Richtlinie und Normen wie IEC 62443 werden diese Anforderungen für den Betrieb klarer gefasst. Sicherheit ist damit kein zusätzlicher Aspekt, sondern fester Bestandteil von Planung, Umsetzung und laufendem Betrieb.
„Damit externes Spezialwissen in solchen Situationen wirksam eingebunden werden kann, braucht es klare Rollen, Verantwortlichkeiten und Übergaben. Ansonsten entsteht zusätzliche Koordination statt Entlastung.“
e.b: Was bedeutet das für den Alltag in Netz- und Anlagenbetrieb?
Christopher Gasteier: Dass Eingriffe in die Technik, betriebliche Anpassungen und organisatorische Entscheidungen integriert vorbereitet und umgesetzt werden müssen. Vertiefte fachliche Expertise wird insbesondere dann benötigt, wenn Sicherheitsvorfälle zu bewerten sind, größere Änderungen anstehen oder neue technische und regulatorische Anforderungen zu erfüllen sind. Damit externes Spezialwissen in solchen Situationen wirksam eingebunden werden kann, braucht es klare Rollen, Verantwortlichkeiten und Übergaben. Ansonsten entsteht zusätzliche Koordination statt Entlastung.

Als integratives Betriebsmodell unterstützt der OT-Leitstand Energieunternehmen beim sicheren und KRITIS-konformen Anlagen- und Netzbetrieb. Bild: © Controlware/AdobeStock
OT-Leitstand als integriertes Betriebsmodell
e.b: Sie sprechen in diesem Zusammenhang vom OT-Leitstand. Was genau ist darunter zu verstehen?
Christopher Gasteier: Der OT-Leitstand ist als integriertes Betriebsmodell konzipiert. Er bündelt diese Anforderungen in einer strukturierten Form der Unterstützung und ergänzt bestehende Strukturen dort, wo zusätzliche Tiefe oder Kapazität erforderlich ist. Operative Verantwortung und Entscheidungshoheit verbleiben beim Anwenderunternehmen. Der Leitstand schafft einen Rahmen, in dem Beratung, technische Umsetzung und begleitende Betriebsunterstützung ineinandergreifen und die vorhandenen Teams, Prozesse und Ressourcen gezielt ergänzen.
e.b: Was unterscheidet dieses Modell von klassischer punktueller Unterstützung?
Christopher Gasteier: Der Unterschied liegt in der kontinuierlichen Begleitung und der engen Verzahnung mit bestehenden Abläufen. Punktuelle Unterstützung hilft in einzelnen Situationen. Der OT-Leitstand ist darauf ausgelegt, fachliche Bewertungen, technische Entscheidungen und organisatorische Anforderungen in klar definierten Prozessen aufeinander abzustimmen. Maßnahmen werden bereichsübergreifend umgesetzt und begleitet. Dadurch lassen sich Sachverhalte systematisch einordnen, Risiken frühzeitig erkennen und Änderungen konsistent durchführen.
Expertise nach Bedarf statt dauerhaft vorhalten
„Expertise steht bedarfsgerecht zur Verfügung, ohne dass diese in allen Bereichen dauerhaft vorgehalten werden muss.“
e.b: Wo liegt der konkrete Nutzen für die Betreiber?
Christopher Gasteier: Vor allem darin, dass spezialisiertes OT-, IT- und Security-Know-how dort verfügbar wird, wo es im laufenden Betrieb benötigt wird. Gerade vor dem Hintergrund begrenzt verfügbarer Fachkräfte entlastet das die internen Teams spürbar. Expertise steht bedarfsgerecht zur Verfügung, ohne dass diese in allen Bereichen dauerhaft vorgehalten werden muss. Zudem fließen unsere langjährigen Erfahrungen aus kritischen Infrastrukturen und der strukturierten Betriebsunterstützung in die Abläufe ein. Dadurch werden Zusammenhänge transparenter, Abstimmungsaufwände reduziert und Maßnahmen konsistent umgesetzt.
Interne Strukturen bleiben erhalten und werden gezielt ergänzt. Für Betreiber bedeutet das mehr Stabilität und Sicherheit sowie eine verlässliche Grundlage, um neue Anforderungen umzusetzen.
e.b: Welche Bedeutung hat dabei die Datensouveränität?
Christopher Gasteier: Datensouveränität ist von zentraler Bedeutung. Betriebs- und sicherheitsrelevante Informationen verbleiben vollständig in der Hoheit des Betreibers und werden innerhalb klar definierter organisatorischer und regulatorischer Rahmenbedingungen verarbeitet. Gerade in kritischen Infrastrukturen ist das ein wesentlicher Aspekt. Die Zusammenarbeit mit deutschen und europäischen Technologiepartnern unterstützt die Einhaltung von Datenschutz und Compliance und schafft langfristige Planungssicherheit.
Modularer Aufbau statt starres Modell
„Das KI-Cockpit von Controlware ergänzt den OT-Leitstand als interne Wissensbasis. Es wird lokal innerhalb der eigenen Infrastruktur betrieben und erfüllt damit die Anforderungen an Datenschutz und KRITIS-Vorgaben.“
e.b: Wie ist der OT-Leitstand organisatorisch aufgebaut?
Christopher Gasteier: Der Aufbau ist modular. Die einzelnen Funktionen lassen sich entsprechend den jeweiligen Anforderungen im Unternehmen integrieren und bei Bedarf erweitern. Die Betriebsmodule decken technische Funktionsbereiche wie industrielle Netzwerke, Firewalls, Monitoring, gesicherte Fernzugriffe, Backup- und Restore-Prozesse sowie Angriffserkennung ab.
Darauf aufbauend kommen Service-Module zum Einsatz, etwa Incident-, Problem- und Change-Management, Reporting oder Service-Level-Management. Ergänzend lassen sich On-Demand-Leistungen wie OT-Härtung, Sicherheitsanalysen, Firewall-Reviews oder CIS-Benchmarking einbinden. Dadurch entsteht kein starres Konstrukt, sondern ein Rahmen, der sich an unterschiedliche Betreiberstrukturen anpassen lässt.
e.b: Welche Rolle spielt dabei das KI-Cockpit?
Christopher Gasteier: Das KI-Cockpit von Controlware ergänzt den OT-Leitstand als interne Wissensbasis. Es wird lokal innerhalb der eigenen Infrastruktur betrieben und erfüllt damit die Anforderungen an Datenschutz und KRITIS-Vorgaben. Dokumentationen, Richtlinien und Erfahrungswissen werden im jeweiligen Betriebskontext bereitgestellt. Teams erhalten so schnellen Zugriff auf relevante Informationen zu Konfigurationen, Änderungen oder vergleichbaren Situationen im Anlagen- und Netzbetrieb.
e.b: Ist der OT-Leitstand eher ein Modell für große Konzerne oder auch für Stadtwerke und mittelgroße Betreiber interessant?
Christopher Gasteier: Entscheidend ist nicht zuerst die Größe, sondern die Ausgangssituation. Überall dort, wo viele unterschiedliche Anforderungen parallel umgesetzt werden müssen, Ressourcen begrenzt sind und spezialisierte Expertise nicht durchgängig in der nötigen Tiefe verfügbar ist, kann ein solches Modell sinnvoll sein. Genau deshalb ist der modulare Aufbau wichtig. Er ermöglicht es, den OT-Leitstand an unterschiedliche organisatorische und technische Strukturen anzupassen.
Vom Tagesgeschäft zur strategischen Planung
e.b: Geht es beim OT-Leitstand also nur um Tagesgeschäft?
Christopher Gasteier: Nein. Die permanente Weiterentwicklung technischer Systeme, organisatorischer Rahmenbedingungen und regulatorischer Vorgaben macht die strategische Planung in Energieunternehmen zu einem kontinuierlichen Prozess. Entscheidungen zu Investitionen, Modernisierung und Ausrichtung von Anlagen und Netzen müssen unter sich ändernden technischen und regulatorischen Rahmenbedingungen getroffen werden. Auch hierfür stellt der OT-Leitstand fachliche Expertise bereit und ermöglicht die frühzeitige Einordnung sowie Bewertung neuer Entwicklungen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für langfristige Stabilität, Resilienz und Zukunftsfähigkeit.
e.b: Controlware stellt den Ansatz im Juni auch auf einer Roadshow vor. Was erwartet die Teilnehmer dort?
Christopher Gasteier: Im Rahmen der Reihe OT/ICS-ExperTalk@Lunch stellen wir den OT-Leitstand an mehreren Standorten vor und diskutieren konkrete Anforderungen aus dem Betrieb. Im Mittelpunkt stehen Erfahrungen aus der Praxis, typische Einsatzszenarien und Fragen, die sich im Alltag von Netz- und Anlagenbetrieb stellen. Die Termine sind im Juni in Hamburg, Meerbusch, Dietzenbach, Filderstadt, Unterhaching und Wien.
Über Controlware GmbH
Die Controlware GmbH gehört zu den führenden IT-Dienstleistern und Managed Service Providern in Deutschland. Das Unternehmen ist Teil der Controlware Gruppe mit über 1.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von nahezu 500 Millionen Euro. Seit der Gründung im Jahr 1980 unterstützt Controlware mittelständische und große Unternehmen sowie Behörden und öffentliche Einrichtungen mit der Planung, Umsetzung und dem Betrieb moderner IT-Infrastrukturen. Das Leistungsportfolio umfasst Lösungen in den Bereichen Network Solutions, Information Security, Data Center & Cloud, Collaboration, IT-Management und Managed Services. Ziel ist ein wirtschaftlicher, zukunftssicherer und nachhaltiger IT-Betrieb. Controlware bietet sowohl gezielte Betriebsunterstützung als auch vollständig verantwortete Managed Services für Cloud-basierte und On-Premises gehostete Netzwerk-, Security- und Data Center-Umgebungen. Ergänzend stehen Cyber Defense Services zur Verfügung. Neben einem Vertriebs- und Servicenetz mit 14 nach ISO 9001 zertifizierten Standorten in der DACH-Region unterhält Controlware internationale Partnerschaften. Das eigene Customer Service Center ist nach ISO 27001 zertifiziert. Seit vielen Jahren arbeitet das Unternehmen eng mit führenden Herstellern und innovativen Technologiepartnern zusammen und ist bei diesen auf höchstem Qualifizierungsniveau zertifiziert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung des Nachwuchses. Controlware kooperiert mit führenden Hochschulen und betreut kontinuierlich rund 50 Auszubildende und Studierende als Investition in die Kompetenz von morgen.
