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„Wir machen einen echten Vollrollout. Wir gehen in jedes Haus“

"Wir haben nach einer Architektur gesucht, die flächendeckend funktioniert und gleichzeitig bezahlbar bleibt", sagt AllgäuNetz-Geschäftsführer Volker Wiegand. Sein Unternehmen hat sich letztlich für einen Vollrollout mit Hausheld als Partner entschieden. (Bild: © M Sienz/AllgäuNetz)

„Das Allgäu ist topografisch anspruchsvoll“

AllgäuNetz-Geschäftsführer Volker Wiegand erklärt im Gespräch mit energie.blog, warum der Netzbetreiber beim Smart-Meter-Rollout auf einen flächendeckenden Ansatz setzt, welche Rolle Wirtschaftlichkeit und Konnektivität spielen – und weshalb die 20-Prozent-Quote aus seiner Sicht nicht alles über den tatsächlichen Fortschritt aussagt.

Gründe für den Vollrollout

e.b: Herr Wiegand, viele Netzbetreiber konzentrieren sich zunächst auf die Pflichtfälle beim Smart-Meter-Rollout. Sie gehen einen anderen Weg. Warum?
Volker Wiegand: Wir wollten den Rollout nicht nur unter dem Blickwinkel der Quote betrachten. Für uns stellt sich die Frage: Was bringt uns wirklich Transparenz im Niederspannungsnetz und die Möglichkeit zur Steuerung? Deshalb haben wir entschieden, in die Fläche zu gehen und nicht nur einzelne Pflichtfälle umzusetzen.

e.b: Sie sprechen von einem echten Vollrollout. Was bedeutet das konkret?
Volker Wiegand: Wir tauschen im Prinzip alle Zähler aus. Unser Ziel sind rund 140.000 Messstellen innerhalb von drei Jahren. Aktuell wechseln wir etwa 600 Zähler pro Woche, Tendenz steigend. Wir machen einen echten Voll-Rollout. Wir gehen in jedes Haus.

„Uns ging es nicht nur um Technik, sondern auch um Wirtschaftlichkeit und um die Frage, was im Netzbetrieb wirklich funktioniert.“

e.b: Wie lange haben Sie sich mit dieser Entscheidung beschäftigt?
Volker Wiegand: Das war kein Schnellschuss. Wir haben uns etwa ein dreiviertel Jahr Zeit genommen und verschiedene Optionen analysiert. Dabei ging es nicht nur um Technik, sondern auch um Wirtschaftlichkeit und um die Frage, was im Netzbetrieb wirklich funktioniert. Erst danach haben wir uns auf eine Architektur festgelegt.

e.b: Viele Netzbetreiber diskutieren noch über den Vollrollout. Sie setzen ihn bereits um.
Volker Wiegand: Man liest überall, man müsste – aber kaum jemand macht es. Wir haben uns entschieden, nicht länger darüber zu diskutieren, sondern den Vollrollout tatsächlich umzusetzen.

Ein Gateway für mehrere Haushalte

e.b: Viele Netzbetreiber setzen weiterhin auf ein Gateway in jedem Haushalt. Sie haben sich bewusst dagegen entschieden. Was war der entscheidende Punkt?
Volker Wiegand: Wir haben uns sehr nüchtern angeschaut, was dieser Ansatz für uns bedeuten würde. Wenn man ein Gateway in jedem Haushalt installiert, wird das bei unserer Netzgröße schnell sehr teuer. Gleichzeitig sind die Entgelte gesetzlich gedeckelt. Wir hätten also eine Lösung umgesetzt, die wirtschaftlich dauerhaft schwer darstellbar gewesen wäre. Deshalb haben wir nach einer Architektur gesucht, die flächendeckend funktioniert und gleichzeitig bezahlbar bleibt.

e.b: Stattdessen läuft die Kommunikation über eine Funkfrequenz, die man auch von Babyphones kennt. Klingt ungewöhnlich für ein Stromnetz.
Volker Wiegand: Für uns entscheidend ist, dass diese Frequenz sehr robust ist und sich gut für ein Mesh-Netz eignet. Das Allgäu ist topografisch anspruchsvoll und teilweise sehr ländlich geprägt. Wir können uns also nicht darauf verlassen, dass überall stabiler Mobilfunk verfügbar ist. Wenn die Daten nicht zuverlässig ankommen, hilft einem die beste Messtechnik nichts. Deshalb haben wir uns für eine Lösung entschieden, die unabhängig vom Kellerempfang funktioniert und gut in unsere Netzinfrastruktur integriert werden kann.

„Wir können uns nicht darauf verlassen, dass überall stabiler Mobilfunk verfügbar ist.“

e.b: Sie haben auch andere Technologien getestet, etwa Breitband-Powerline.
Volker Wiegand: Das haben wir tatsächlich ausprobiert. In einem Testgebiet hatten wir eine Erreichbarkeit von etwa 96 bis 97 Prozent. Trotzdem hätten wir weiterhin Gateways pro Gebäude benötigt und zusätzliche Technik im Netz verbauen müssen. Außerdem können bei Netzumschaltungen Wechselwirkungen auftreten. Deshalb haben wir uns am Ende dagegen entschieden. Wir wollten letztlich eine Lösung, die flächendeckend funktioniert und wirtschaftlich ist.

Partnerschaft mit Hausheld

e.b: Der Rollout ist organisatorisch eine große Aufgabe. Wie stemmen Sie das praktisch?
Volker Wiegand: Wir setzen dabei auf eine Partnerschaft mit Hausheld. Mehrere Monteurkolonnen arbeiten parallel in den Gemeinden. Unser Partner übernimmt dabei auch organisatorische Aufgaben wie Kundenanschreiben und Terminvereinbarungen. Für uns ist entscheidend, dass wir die Messwerte gesetzeskonform in unser ERP-System bekommen und sie anschließend für Netzbetrieb und Marktprozesse nutzen können.

e.b: Welche Vorteile hat der Vollrollout eigentlich für Ihre Kunden?
Volker Wiegand: Ein Punkt ist der Komfort. Die Zähler müssen nicht mehr manuell abgelesen werden. Gerade bei Mieterwechseln entfällt damit ein organisatorischer Schritt. Gleichzeitig schaffen wir die Grundlage für mehr Transparenz beim Energieverbrauch und perspektivisch auch für dynamische Tarife.

Rollout-Quote bildet nicht tatsächliche Praxis ab

e.b: Derzeit liegen Sie bei rund zehn Prozent intelligenter Messsysteme und damit unter der gesetzlichen Quote. Wie reagieren die Behörden darauf?
Volker Wiegand: Wir haben uns proaktiv bei der Bundesnetzagentur gemeldet und unseren Ansatz erläutert. Entscheidend sei aus Sicht des Regulierers ist, dass ein belastbarer Rollout-Plan vorliegt und die Infrastruktur tatsächlich aufgebaut werde. Die Quote bildet im Moment noch nicht vollständig ab, was draußen im Netz bereits umgesetzt ist.

„Der Netzmandant läuft zwar bereits auf SAP S/4HANA. Verzögerungen entstehen derzeit jedoch durch das neue Messkonstrukt-Verwaltungstool, kurz MKV.“

e.b: Woran liegt das konkret?
Volker Wiegand: Die verbauten modernen Messeinrichtungen gelten erst dann als intelligente Messsysteme im Sinne der Quote, wenn die Daten vollständig in das Abrechnungssystem integriert sind. Bei uns hängt das derzeit noch an der finalen Anbindung im SAP-System.

Der Netzmandant läuft zwar bereits auf SAP S/4HANA. Verzögerungen entstehen derzeit jedoch durch das neue Messkonstrukt-Verwaltungstool, kurz MKV. Sobald die Gateway-Administration vollständig angebunden ist und die Messwerte im System auflaufen, steigt die Quote rechnerisch deutlich an.

Herausforderung Hardware

e.b: Viele Netzbetreiber sehen gerade in der IT-Integration eine der größten Herausforderungen.
Volker Wiegand: Das kann ich bestätigen. Die Hardware zu verbauen ist das eine. Die Systeme sauber miteinander zu verbinden, ist das andere. Die Hardware muss über mehrere Firewalls hinweg ins System integriert werden.

e.b: Sie sprechen damit auch die Steuerung nach §14a EnWG an.
Volker Wiegand: Genau. Wir bauen derzeit ein eigenes Prüflabor auf, um die komplette Signalkette zu testen. Erst wenn Messung, Gateway-Administration, Steuerbox und Backend-Systeme stabil zusammenspielen, gehen wir damit in die Fläche.

e.b: Früher galt der Messstellenbetrieb als klassische Kernaufgabe der Stadtwerke. Hat sich dieses Verständnis verändert?
Volker Wiegand: Ja, deutlich. Früher stand der einzelne Zähler im Mittelpunkt. Heute geht es darum, Messwerte zuverlässig und flächendeckend verfügbar zu machen – für Netzbetrieb, Marktprozesse und neue Anwendungen. Der Fokus hat sich also vom Gerät hin zum Datenfluss verschoben.

e.b: Wie bewerten Sie die aktuelle Marktdiskussion rund um Smart Metering?
Volker Wiegand: Der Rollout nimmt inzwischen spürbar Fahrt auf, gerade große Energieversorger erhöhen ihre Einbauzahlen deutlich. Gleichzeitig sorgen neue Technikideen und politische Debatten immer wieder für Verunsicherung im Markt. Aus unserer Sicht ist wichtig: Die Technik ist verfügbar, die Aufgabe klar – und wir sollten jetzt vor allem Tempo beim Ausbau machen.

„Einige Stadtwerke aus der Region verfolgen ähnliche Ansätze.“

Stadtwerke-Austausch innerhalb der Region

e.b: Arbeiten andere Netzbetreiber inzwischen mit einem ähnlichen Ansatz?
Volker Wiegand: Ja, wir sehen, dass sich auch andere kleinere Netzbetreiber dafür interessieren. Einige Stadtwerke aus der Region verfolgen ähnliche Ansätze. Wir bauen derzeit sogar eine bayerische Nutzergruppe auf, in der sich Unternehmen austauschen können.

e.b: Ist der Smart-Meter-Rollout für Sie also eher Infrastrukturprojekt als IT-Projekt?
Volker Wiegand: Ich würde sagen: beides. Für uns ist der Rollout Teil einer langfristigen Netzstrategie. Wir brauchen Transparenz im Niederspannungsnetz, wir müssen Lasten besser verstehen und perspektivisch auch steuern können. Der Smart-Meter-Rollout schafft dafür die Grundlage.

 

Mehr Infos zum Vollrollout im Allgäu gibt es hier:

 

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