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„Transformation beginnt im Kopf – und endet in der Technik“

Ronald Pfitzer prägte über drei Jahrzehnte die Geschicke der Stadtwerke Schwäbisch Hall. Für den energie.blog blickt er nochmals auf seine beruflichen Stationen zurück.
Ronald Pfitzer prägte über drei Jahrzehnte die Geschicke der Stadtwerke Schwäbisch Hall. Für den energie.blog blickt er nochmals auf seine beruflichen Stationen zurück. (Bild: © Somentec)

„Ich hatte über viele Jahre hinweg die Möglichkeit, Ideen nicht nur zu entwickeln, sondern auch umzusetzen“

Mehr als 34 Jahre lang waren die Stadtwerke Schwäbisch Hall berufliche Heimat von Ronald Pfitzer, seit dem 1. November 2025 befindet er sich nun im Ruhestand. Pfitzer war und ist eine besondere Persönlichkeit der EVU-Branche. Nicht nur, dass er als Quereinsteiger Karriere gemacht hat in einer sonst eher als linientreu bekannten Branche. Er war auch Architekt der erfolgreichen Dienstleistungssparte, mit denen sich die Stadtwerke Schwäbisch bundesweit einen Namen gemacht haben. Grund genug für energie.blog mit Pfitzer einmal ausführlich zu sprechen: über Pionierarbeit in der Energiewirtschaft, Talentförderung, aktuelle und künftige Herausforderungen der Branche sowie den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. 

Die Anfänge

e.b: Herr Pfitzer, wie sind Sie zur IT und zu den Stadtwerken Schwäbisch Hall gekommen?
Ronald Pfitzer
: Mein Interesse an IT begleitet mich schon seit meiner Jugend. Mit zwölf oder dreizehn Jahren war ein programmierbarer Taschenrechner von Texas Instruments das Größte für mich. Ich habe damals alles aufgesogen, was mit Algorithmen und Datenstrukturen zu tun hatte – allerdings zunächst nur in der Theorie, aus Büchern und Zeitschriften.

Mit 16 Jahren, also 1979, hat mir mein Opa dann einen Apple II finanziert – zu einem Preis, der aus heutiger Sicht fast unglaublich erscheint. Dieses Gerät war für mich das Tor in eine völlig neue Welt. Ich habe stundenlang programmiert, experimentiert und verstanden, wie faszinierend Softwarelogik sein kann.

Nach dem Studium habe ich meinen Zivildienst in einer Einrichtung für Erwachsenenbildung abgeleistet. Dort kam ich wieder intensiver mit Computern in Kontakt – diesmal mit den ersten Apple Macintosh. Dabei ist die Freude an der Softwareentwicklung endgültig wieder erwacht. Es folgte eine kurze Phase der Selbstständigkeit, in der ich kleinere Macintosh-Projekte umgesetzt habe.

Der Weg zu den Stadtwerken Schwäbisch Hall entstand dann eher zufällig: Der damalige neue Geschäftsführer, Johannes van Bergen, hatte gerade Macs eingeführt und suchte jemanden, der diese betreuen konnte. Über einen Geschäftspartner wurde er auf mich aufmerksam, und ich bekam die Gelegenheit, eine kleine Anwendung zur Verwaltung von Netzstörungen zu entwickeln – zunächst als Auftragsarbeit. Daraus entstand eine dreijährige freiberufliche Tätigkeit in Teilzeit für alles, was mit IT zu tun hatte. Das war 1991 – und damit der Beginn einer langen, sehr prägenden Zeit bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall.

Berufliche Laufbahn bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall

e.b: In welchen Etappen lässt sich Ihre Karriere bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall nachzeichnen?

Ronald Pfitzer: Ein dominierendes IT-Thema in meiner Anfangszeit bei den Stadtwerken war die Grafische Datenverarbeitung, also die digitale Anlagendokumentation. Sie gehörte damals noch zur Abteilung Planung und Projektierung, und wir haben in diesem Bereich viel Pionierarbeit geleistet.

Parallel dazu habe ich eine Abrechnungssoftware für Sondervertragskunden aller Sparten entwickelt – Strom, Gas, Wasser und Wärme. Bis dahin waren diese Bereiche auf verschiedene Systeme und Dienstleister verteilt, was die Abläufe kompliziert machte. Die neue Lösung brachte alles unter ein gemeinsames Dach und war ein wichtiger Schritt hin zu einer integrierten IT-Landschaft bei den Stadtwerken.

Zum 1. Januar 1995 habe ich mich – nach einigem Sträuben, wie ich zugeben muss – zu einer Festanstellung überreden lassen. Zuvor hatte ich die IT-Aufgaben in Teilzeit übernommen und übernahm nun zusätzlich die Leitung der Abteilung Planung und Projektierung. Wenn ich heute in alte Ordner schaue, finde ich noch Teilnehmerurkunden von Schulungen mit Themen wie „Der Bauprozess“ oder „Der Pauschalvertrag im Baurecht“ – Themen, die mit meiner eigentlichen Tätigkeit zunächst wenig zu tun hatten, mir aber wertvolle Einblicke in die Arbeitsweise eines kommunalen Unternehmens verschafft haben.

Später übernahm ich zusätzlich die Leitung der Verbrauchsabrechnung und wurde 1999 mit Prokura ausgestattet. Im Jahr 2012 folgte dann der nächste große Schritt: Ich wurde – zunächst neben Johannes van Bergen – gemeinsam mit Gebhard Gentner in die Geschäftsführung berufen. Seit 2015 haben wir die Stadtwerke Schwäbisch Hall zu zweit geführt – in einer Zeit großer Veränderungen, aber auch großer Chancen.

Prägende Führungskraft

e.b: Wer waren Ihre Förderer? Wer oder was hat Sie als „Stadtwerker“ und Führungskraft geprägt?

Ronald Pfitzer: In direkter beruflicher Hinsicht war ganz klar Johannes van Bergen die prägendste Person. Er hat mich zu den Stadtwerken geholt und – wie er später einmal schmunzelnd erzählte – sich auf das Abenteuer eingelassen, einen Selbstständigen fest einzustellen. Ich hatte in den über zwanzig Jahren unserer Zusammenarbeit nicht den Eindruck, dass er diese Entscheidung bereut hätte. Unsere gemeinsame Zeit war von großem Vertrauen, Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung geprägt – und ich habe in dieser Phase unglaublich viel gelernt, fachlich wie menschlich.

„Ohne Rückhalt in der Familie wäre vieles so nicht möglich gewesen“

Bei der Förderung darf ich aber auch meine Frau nicht unerwähnt lassen. Sie hat mir über all die Jahre den Rücken freigehalten und unsere drei Kinder weitgehend allein erzogen – oft genug als eine Art „Alleinerziehende“, während ich beruflich stark eingebunden war. Ohne diesen Rückhalt in der Familie wäre vieles so nicht möglich gewesen.

e.b: Wofür sind Sie auf Ihrem beruflichen Weg dankbar? Worauf können Sie stolz sein?

Ronald Pfitzer: Dankbar bin ich vor allem für die großen Gestaltungsfreiheiten, die ich bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall genießen durfte. Ich hatte über viele Jahre hinweg die Möglichkeit, Ideen nicht nur zu entwickeln, sondern auch umzusetzen – oft in Bereichen, in denen es noch keine festen Strukturen oder Vorbilder gab. Diese Freiräume waren ein enormer Vertrauensbeweis und haben entscheidend dazu beigetragen, dass wir so viel bewegen konnten.

Stolz bin ich auf die Pionierleistungen der 2000er-Jahre, in denen wir gemeinsam als Team neue Wege beschritten haben – insbesondere in der IT und im Aufbau innovativer Geschäftsmodelle. Diese Zeit hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Stadtwerke Schwäbisch Hall zu einem modernen, agilen und weit über die Region hinaus bekannten Energieunternehmen entwickeln konnten.

Mit SHERPA zum Vorreiter

e.b: Mit SHERPA, dem Backoffice-Service für andere EVU und neue Player im Energiemarkt, waren die Stadtwerke Schwäbisch Hall absolute Vorreiter. Wie ist das gelungen? Wo steht SHERPA heute? Wie sieht die Zukunft aus?

Ronald Pfitzer: Das ist vor allem durch die richtigen Rahmenbedingungen und ein fantastisches Team gelungen. Wir waren zu Beginn nicht einmal eine Handvoll Leute, die alle für die Idee gebrannt haben und völlig unbürokratisch gearbeitet haben. Uns war bewusst, dass wir etwas Neues schaffen – ein Stück Pionierarbeit in einer Zeit, in der die Energiemarktliberalisierung gerade erst begonnen hatte.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor war – bei aller Bescheidenheit –, dass ich in der Anfangsphase Prozessarchitekt, Softwarearchitekt, Softwareentwickler und Betreiber der Systeme in einer Person war. Das war eine enorme Verantwortung, aber es hat uns ermöglicht, schnell, effizient und praxisnah zu agieren. Diese Kombination aus Gestaltungsfreiheit, technischem Tiefgang und Teamgeist hat SHERPA letztlich groß gemacht.

Natürlich hat sich die Welt seitdem verändert. Die Energiepreiskrise nach Beginn des Ukrainekriegs hat uns erneut gezeigt, wie dynamisch und herausfordernd dieser Markt ist. SHERPA hat diese Phase gut gemeistert und wird seine Dienstleistungen konsequent weiterentwickeln.

„Veränderungsgeschwindigkeit in der Branche hat enorm zugenommen“

Wir sehen heute, dass die Veränderungsgeschwindigkeit in der Branche enorm zugenommen hat. Genau hier liegt künftig eine große Chance: Die Fähigkeit, Prozesse, Systeme und Dienstleistungen flexibel anzupassen, wird zu einem immer wichtigeren Erfolgsfaktor. Viele kleinere und mittlere Stadtwerke stoßen hier zunehmend an ihre Grenzen. Deshalb glaube ich, dass jetzt die Zeit reif ist, das Dienstleistungsangebot in allen Marktbereichen der Energiewirtschaft weiter auszubauen – und genau das wird SHERPA tun.

Blick zurück ab Liberalisierung

e.b: Sie haben die spannendsten Phasen der jüngeren deutschen Energieversorgungsgeschichte – Liberalisierung, Dekarbonisierung, Digitalisierung – aktiv begleitet und gestaltet. Was lief in Ihren Augen rückblickend gut, was eher nicht?

Ronald Pfitzer: Für mich hat die Dekarbonisierung, also die Energiewende, eine existenzielle Bedeutung für unseren Planeten. Dass die Energiebranche dabei eine zentrale Rolle spielen muss, ist völlig klar. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg waren – dass die meisten Akteure in Politik, Wirtschaft und Energieversorgung am selben Strang zogen, wenn es darum ging, Rahmenbedingungen zu schaffen, die wirtschaftliches Handeln ermöglichen und gleichzeitig die Klimaziele voranbringen.

Seit diesem Jahr bin ich mir da allerdings nicht mehr so sicher. Mit großem Erschrecken habe ich im Januar in der ZfK das Ergebnis einer Umfrage unter 1.000 Entscheidern unserer Branche gelesen, nach der 21,6 % die AfD als Partei mit der größten Kompetenz in der Energiepolitik bezeichnet haben. Das hat für mich eine Illusion zerstört – nämlich die, dass unsere Branche sachlich-technisch geprägt und weitgehend immun gegen Populismus sei.

Was die Digitalisierung betrifft, so ist das für mich mittlerweile ein überstrapaziertes Reizwort geworden. Das liegt auch daran, dass der Begriff extrem weit gefasst ist – von simplen Prozessoptimierungen bis hin zu tiefgreifenden Transformationsprozessen. Ich bin überzeugt: Transformation beginnt im Kopf und endet in der Technik – nicht umgekehrt. Wenn wir in unseren Denkstrukturen nicht bereit sind, alte Zöpfe konsequent abzuschneiden, werden viele Teile der Branche große Schwierigkeiten bekommen, sich zukunftsfähig aufzustellen.

„Transformation ist kein Busausflug mit Haltestellen für alle. Wir wollen alle mitnehmen, können aber nicht auf jeden warten“

Ein sehr geschätzter Wegbegleiter hat das einmal treffend formuliert: „Transformation ist kein Busausflug mit Haltestellen für alle. Wir wollen alle mitnehmen, können aber nicht auf jeden warten.“ Das bringt es für mich auf den Punkt – Veränderung erfordert Mut, Tempo und die Bereitschaft, Neues wirklich zuzulassen.

Quereinsteiger in der Energiewirtschaft

e.b: Sie haben als Quereinsteiger bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall Karriere gemacht. Taugen Sie mit Ihrem Werdegang und Ihrer beruflichen Leistung zum Role Model?

Ronald Pfitzer: Ob ich als Role Model tauge, müssen andere beurteilen. Ich selbst sehe das eher pragmatisch: Ich hatte das Glück, mich schon viele Jahre vor der Liberalisierung des Energiemarktes in diesem Umfeld „warmlaufen“ zu können und bin dann einfach mitgewachsen. Was davor war, spielt rückblickend keine große Rolle mehr – entscheidend war, dass ich die Gelegenheit hatte, mich in die Themenwelt der Energieversorgung hineinzudenken und mit ihr zu entwickeln.

Ich bin von Natur aus neugierig in viele Richtungen, und das hat mir sicher geholfen. Gerade in einer Branche, in der die Komplexität immer weiter zunimmt, ist es wichtig, Zusammenhänge schnell zu erfassen und so weit abstrahieren zu können, dass daraus fundierte Entscheidungen entstehen. Diese Fähigkeit, neugierig zu bleiben und sich auch fachfremden Perspektiven zu öffnen, halte ich für eine der größten Stärken – nicht nur in meinem Werdegang, sondern generell notwendig für die Energiebranche.

Wie geht es weiter

e.b: Das Leben wird redensartlich vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Spüren Sie, dass sich Ihr Blick auf das Erlebte verändert hat?

Ronald Pfitzer: Ich bin ja erst seit Kurzem im Ruhestand – das ist also noch ganz frisch. Natürlich kam dieser Schritt nicht überraschend, ich habe ihn lange vorbereitet und konnte ihn rational sehr klar einordnen. Emotional ist das allerdings etwas, das sich erst auf den letzten Metern richtig geformt hat. Man merkt plötzlich, dass eine jahrzehntelange Routine, ein gewisser Lebensrhythmus und auch viele vertraute Begegnungen abrupt enden.

„Das war’s – und jetzt beginnt etwas Neues“

Im Moment fühlt es sich für mich ehrlich gesagt noch ein wenig wie Urlaub an – eine Phase, in der man tief durchatmet, vieles Revue passieren lässt, aber noch nicht wirklich das Gefühl hat, dass es endgültig ist. Ich bin gespannt, wann der Punkt kommt, an dem sich das innere Verständnis wirklich umstellt und man begreift: Das war’s – und jetzt beginnt etwas Neues.

e.b: Hat dieses „Neue“ schon Konturen?

Ronald Pfitzer: Wichtig ist für mich jetzt vor allem die Familie. Natürlich kann man die Zeit, die man im Laufe der Jahre beruflich eingebracht hat, nicht einfach nachholen – aber man kann den Blick nach vorne richten und bewusst neue Schwerpunkte setzen. Genau das habe ich vor.

Nach vielen intensiven Jahren möchte ich nun mehr Zeit mit meiner Frau, den Kindern und den Enkeln verbringen und gleichzeitig meinen Hobbys wieder mehr Raum geben. Ich empfinde das nicht als Bruch, sondern als eine natürliche Verschiebung der Prioritäten: Das, was im Berufsleben oft zu kurz kam, bekommt jetzt endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient.

Rückkehr in die Energiewirtschaft?

e.b: Sie wirken jung und dynamisch, kein bisschen „Rentner-like“, verfügen über einzigartiges Know-how und Wissen. Dürfen wir hoffen, Sie irgendwo auf den Bühnen der Branche wiederzusehen?

Ronald Pfitzer: Im Moment habe ich – über das bereits Gesagte hinaus – keine konkreten Pläne. Ich genieße bewusst diese neue Freiheit, ohne sofort wieder etwas „aufbauen“ oder „anstoßen“ zu müssen. Nach so vielen Jahren in einem intensiven, fordernden Umfeld tut es gut, einmal nichts zu planen, sondern Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Ich bin sicher, dass sich mit der Zeit neue Themen und Impulse ergeben werden – vielleicht auch wieder mit Bezug zur Energiewirtschaft. Aber das muss sich entwickeln. Jetzt stehen erst einmal Familie, Zeit und Gelassenheit im Vordergrund.

 

Das Interview führte Gerhard Großjohann

Zur Person

Jahrgang 1962, seit 38 Jahren verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern und Großvater von zwei Enkeln. Fast 34 Jahre lang war Herr Pfitzer bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall tätig. Technik und IT begleiten ihn seit jeher beruflich wie privat. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand widmet er sich wieder verstärkt dem praktischen Tüfteln.

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Über die Stadtwerke Schwäbisch Hall GmbH

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