Portfoliomanagement für Dritte – warum der Energiehandel 2026 neue Strukturen braucht
Der Energiehandel wird schneller, kleinteiliger und datengetriebener. Steigende Handelsfrequenzen, neue Marktsegmente und wachsende Anforderungen an Transparenz und Automatisierung stellen klassische Portfoliomanagement-Ansätze zunehmend infrage – insbesondere, wenn Portfolios für Dritte bewirtschaftet werden. Im Interview mit energie.blog erklärt Steffen Homann, Bereichsleiter Energiehandel bei KISTERS, warum bestehende Systeme an ihre Grenzen stoßen, welche Rolle Automatisierung und Schnittstellen spielen und weshalb der Energiehandel 2026 neue Strukturen braucht.
Portfoliomanagement stößt an Grenzen
e.b: Herr Homann, Portfoliomanagement ist seit Jahrzehnten ein etabliertes Instrument im Energiehandel. Warum wird das Thema gerade jetzt wieder grundsätzlich diskutiert?
Steffen Homann: Weil sich die Rahmenbedingungen im Energiehandel schrittweise, aber sehr tiefgreifend verändert haben. Über viele Jahre hinweg wurden bestehende Portfoliomanagement-Systeme funktional erweitert, ohne die zugrunde liegende Architektur grundsätzlich zu hinterfragen. Das hat lange funktioniert, stößt heute aber an klare Grenzen.
Wir sehen inzwischen eine Kombination aus deutlich höherer Handelsfrequenz, stärkerer Kurzfristigkeit, wachsender Datenmenge und einem hohen Automatisierungsgrad. Während Anfang der 2000er-Jahre vielleicht einige Hundert Geschäfte pro Tag verarbeitet wurden, bewegen wir uns heute – insbesondere im Kurzfrist- und Intraday-Handel – in Größenordnungen von zehntausenden bis hin zu hunderttausend Transaktionen pro Tag. Die natürlich ad hoc im PFM-System zur Verfügung stehen müssen.
Zudem ist die Beschaffung kleinteiliger geworden. Deutlich mehr Vertriebssegmente und einzelne Sondervertragskunden müssen individuell bewirtschaftet und abgerechnet werden als noch vor Jahren. Das gilt analog für die Erzeugungsseite. Zu Beginn der Liberalisierung kam man vielleicht mit einem einzigen Erzeugungsportfolio für seinen Kraftwerkspark aus. Heutzutage werden die konventionellen Kraftwerke individuell bewirtschaftet und parallel sind noch viele Solar- und Windparks sowie Großbatterien hinzugekommen, die in einzelnen Portfolien abgebildet und abgerechnet werden müssen.
„Wenn Portfoliomanagement mit sehr hohen Frequenzen, kurzfristigen Marktreaktionen und automatisierten Handelsstrategien umgehen soll, darf Software nicht zum Engpass werden.“
„Software darf nicht zum Engpass werden“
e.b: Was bedeutet diese Entwicklung konkret für bestehende Portfoliomanagement-Ansätze?
Steffen Homann: Viele klassische Systeme sind historisch für batch-orientierte Verarbeitung, überschaubare Datenmengen und weitgehend manuelle Prozessschritte konzipiert. Sie setzen implizit voraus, dass Menschen Prozesse steuern und Systeme unterstützen.
Heute ist es umgekehrt: Systeme müssen Prozesse steuern, und Menschen überwachen, bewerten und entscheiden. Wenn Portfoliomanagement mit sehr hohen Frequenzen, kurzfristigen Marktreaktionen und automatisierten Handelsstrategien umgehen soll, darf Software nicht zum Engpass werden. Sie muss skalieren, Lastspitzen abfangen und in Echtzeit konsistente Portfolio-Sichten liefern – unabhängig davon, ob es sich um Eigenhandel oder um die Betreuung von Drittportfolios handelt. Genau deshalb haben wir unser Portfoliomanagement-System BelVis+ PFM mit einem modernen Ansatz von Grund auf neu entwickelt.
PMF als Dienstleistung für Dritte gewinnt an Bedeutung
e.b: Sie sprechen Drittportfolios an. Warum gewinnt Portfoliomanagement als Dienstleistung für Dritte aktuell so stark an Bedeutung?
Steffen Homann: Zum einen, weil viele Marktteilnehmer – etwa Stadtwerke, Industrieunternehmen oder kleinere Erzeuger – den operativen Energiehandel nicht mehr vollständig selbst abbilden möchten oder können. Zum anderen, weil die Anforderungen an Marktkommunikation, Risikomanagement und IT-Sicherheit deutlich gestiegen sind.
Wenn Portfoliomanagement als Dienstleistung erbracht wird, verschiebt sich der Fokus. Es geht nicht nur darum, Positionen korrekt zu bewerten, sondern auch darum, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Governance sicherzustellen. Kunden wollen jederzeit sehen können, wie ihr Portfolio strukturiert ist, welche Annahmen zugrunde liegen und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Das setzt Systeme voraus, die von Beginn an für Mehrmandanten-Betrieb und externe Nutzer konzipiert sind.
Anforderungen Drittportfolios vs. internen Portfoliomanagement
e.b: Worin unterscheiden sich die Anforderungen bei Drittportfolios gegenüber dem internen Portfoliomanagement?
Steffen Homann: Wir gehen davon aus, dass der Kunde regelmäßig und jederzeit Einblicke in sein gemanagtes Portfolio haben möchte. Der wöchentliche oder tägliche Versand von PDF-Reports, so wie er in der Vergangenheit üblich war, ist für hektische Marktsituationen nicht ausreichend und auch nicht mehr zeitgemäß. Der Kunde möchte eine Self-Service-Plattform nutzen und jederzeit Einblick in seine Daten haben.
Um Dritten direkten Zugriff auf ihr Portfolios zu geben, sind klare Rollenmodelle nötig: Wer darf Daten einsehen? Wer darf Prognosen ändern? Wer darf Geschäfte anstoßen – und wer nicht?
Hinzu kommt die Notwendigkeit, Prozesse sauber zu trennen und gleichzeitig effizient zu halten. Ein Dienstleister kann es sich nicht leisten, für jeden Kunden individuelle Sonderlösungen zu betreiben. Stattdessen braucht es standardisierte, skalierbare Abläufe, die dennoch kundenspezifische Besonderheiten abbilden können. Das funktioniert nur, wenn Portfoliomanagement-Software konsequent auf Mandantenfähigkeit, Konfigurierbarkeit und Schnittstellen ausgelegt ist.
„Automatisierung darf nicht zu Intransparenz führen. Das System muss jederzeit erklären können, warum eine Position so aussieht, wie sie aussieht, und auf welcher Datenbasis Entscheidungen getroffen wurden.“
Automatisierung
e.b: Welche Rolle spielt dabei Automatisierung?
Steffen Homann: Automatisierung war schon immer wichtig. Für die eigene Handelsabteilung ist es ein gewaltiger Unterschied, ob 90 oder 95 Prozent der Aufgaben vollständig automatisiert erledigt werden. Automatisierte Handelsprozesse, automatische Bewertung von Positionen, kontinuierliche Aktualisierung von Prognosen und Risikokennzahlen – all das muss im Hintergrund laufen.
Gleichzeitig darf Automatisierung nicht zu Intransparenz führen. Das System muss jederzeit erklären können, warum eine Position so aussieht, wie sie aussieht, und auf welcher Datenbasis Entscheidungen getroffen wurden.
Rolle von standardisierten Schnittstellen
e.b: Sie haben Schnittstellen angesprochen. Warum sind sie so zentral für modernes Portfoliomanagement?
Steffen Homann: Weil sie die Grundlage für durchgängige, medienbruchfreie Prozesse bilden. In vielen Unternehmen werden heute noch Prognosen per E-Mail versendet, Excel-Dateien manuell eingelesen oder Handelsentscheidungen telefonisch abgestimmt. Das ist fehleranfällig, langsam und nicht skalierbar.
Moderne Portfoliomanagement-Ansätze, wie wir ihn mit BelVis+ PFM verfolgen, setzen stattdessen auf standardisierte Schnittstellen, über die sich Daten automatisiert austauschen lassen – sowohl intern als auch mit externen Kunden. Hunderte Prognosen können in wenigen Sekunden in das System eingelesen, Ergebnisse in Echtzeit visualisiert und interne Geschäfte systemgestützt angelegt werden. Das reduziert nicht nur Aufwand, sondern erhöht auch Datenqualität und Prozesssicherheit.
Der wichtige Unterschied ist hier die einfache Verfügbarkeit der Schnittstelle. In der Vergangenheit war die Anbindung einer Börse oder eines Handelsplatzes an das Portfoliomanagement-System ein mehrmonatiges Projekt, in dem die Schnittstellen entweder kundenindividuell implementiert oder zumindest aufwändig angepasst wurden. In modernen PFM-Systemen müssen die Schnittstellen zu den gängigen Umsystemen out-of-the-box zur Verfügung stehen. Die Ausweitung der eigenen Handelsaktivitäten in einen neuen Markt oder mit einem neuen Handelsplatz sind damit kein technisches Problem mehr, sondern „nur“ noch ein organisatorisches.




