AXXCON Innovation Benchmark 2026
Im sich deutlich verschärfenden Wettkampf um die Endkunden im Strom und Gasmarkt sind Energieversorger und Stadtwerke auf effiziente Vertriebstrategien und innovative Produkte und Prozesse angewiesen. Die reine Anwendung von Preishebeln und Neukundenrabatten ist endlich, birgt ein hohes Risiko in der Beschaffung und kann innovative Produkte und Dienstleistungen nicht mehr ersetzen. Dies ist die zentrale Erkenntnis unseres diesjährigen Innovation Benchmark Energiewirtschaft.
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Innovationsdruck bei Energieversorgern: Kleine Stadtwerke geraten ins Hintertreffen
Vor allem kleinere Energieversorger geraten zunehmend unter Druck. „Für sie geht es teilweise um die Existenz“, sagt Maik Neubauer, Managing Partner bei AXXCON. Im Wettbewerb über Vergleichsportale können viele nicht mithalten. Preis- und Bonusmodelle werden dort aggressiv ausgespielt.
Gleichzeitig fehlen oft Ressourcen für Innovationen. Neben Pflichtaufgaben als Grundversorger und Infrastrukturbetreiber bleibt wenig Spielraum für neue Angebote.
Die aktuelle Auswertung zeigt deutliche Unterschiede: Große und mittelgroße Versorger bieten im Schnitt 36 der 46 untersuchten innovativen Produkte an. Kleine Stadtwerke mit weniger als 500 Millionen Euro Jahresumsatz kommen im Durchschnitt nur auf 20 Angebote.
Wettbewerb verschärft sich: Wechselzahlen steigen deutlich
AXXCON analysiert seit Jahren das sichtbare Angebot von Energieversorgern. Bewertet werden Produkte und Dienstleistungen für Endkunden. Dazu zählen Beratungs-Apps, Elektromobilität, Speicherlösungen, Photovoltaik und Energiemanagement.
Untersucht wurden 40 deutsche Energieversorger. Darunter große Konzerne sowie kleine und mittlere Stadtwerke. Die Angebote wurden in vier Bereiche eingeteilt: Digitalisierung, effiziente Energienutzung, Mobilität sowie Services und Vertrieb.
Die Anforderungen steigen. „Was gestern noch innovativ war, ist heute Standard“, sagt Hendrik Prielipp, Manager der Benchmarkstudie bei AXXCON. Beispiele sind Online-Kundencenter, Chatbots oder dynamische Tarife.
Der Wettbewerbsdruck nimmt weiter zu. Laut Bundesnetzagentur gab es zuletzt sieben Millionen Vertragswechsel. Das entspricht einem Plus von 18 Prozent. Nur noch 23 Prozent der Stromkunden sind in der Grundversorgung.
Der verpflichtende 24-Stunden-Lieferantenwechsel verschärft die Situation zusätzlich. Auch geopolitische Krisen und Preisschwankungen verunsichern viele Kunden.
Kundenbindung wird zur zentralen Aufgabe
Viele Versorger setzen verstärkt auf Kundenbindungsprogramme. Angebote wie „Kunden werben Kunden“ nehmen zu. Wechselboni werden jedoch nur von etwa der Hälfte der Anbieter genutzt.
Das hat Gründe. Wechselboni ziehen oft kurzfristig orientierte Kunden an. Für kleinere Versorger kann ein Preiskampf wirtschaftlich riskant sein.
Gleichzeitig haben gerade kleinere Stadtwerke Vorteile. Sie sind nah am Kunden und genießen Vertrauen vor Ort. „Sie können schlüsselfertige Heim-Energiesysteme aus einer Hand anbieten“, sagt Prielipp. Dazu zählen Photovoltaik, Speicher, Wärmepumpe und Elektromobilität.
Auch ergänzende Angebote nehmen zu. Dazu gehören Handwerkervermittlung und Beratung rund ums Zuhause.
„Flexumer“ verändern den Markt
Neue Kundengruppen stellen Versorger vor zusätzliche Herausforderungen. „EVUs müssen sich schnell auf die sogenannten Flexumer einstellen“, sagt Neubauer. Gemeint sind Kunden mit flexiblem, technologiegetriebenem Energieverbrauch.
Entscheidend ist ein integriertes Angebot. Einzelne Produkte reichen nicht mehr aus. Gefragt sind vernetzte Lösungen aus Strom,
Wärme und Mobilität.
Die Umsetzung ist komplex. Aufbau und Betrieb solcher Angebote erfordern Know-how und Ressourcen. Kooperationen werden daher wichtiger. Sie helfen, Kompetenzen zu bündeln und Skaleneffekte zu nutzen.
Bündelangebote und Tarife mit Potenzial
Viele Versorger bieten inzwischen Auto- und Wärmestromtarife an. Nachholbedarf besteht bei gebündelten Angeboten. Nur rund 40 Prozent kombinieren mehrere Leistungen.
Dazu zählen etwa Strom- und Gastarife oder kombinierte Verträge mit Telekommunikation. Über Kundenportale lassen sich solche Angebote bündeln. Ergänzt durch Treueprogramme können sie die Kundenbindung stärken.
Startups setzen Stadtwerke unter Druck
Dynamische Tarife sind mittlerweile Pflicht. Sie werden von allen Versorgern angeboten, aber oft kaum sichtbar vermarktet.
Das verschafft neuen Anbietern Vorteile. Unternehmen wie Tibber oder Octopus Energy positionieren sich offensiv. Sie setzen auf digitale Angebote und ein modernes Auftreten.
Noch richten sich diese Angebote vor allem an technikaffine Kunden. Diese Zielgruppe wächst jedoch kontinuierlich.
Smart-Meter-Rollout kommt nur langsam voran
Intelligente Messsysteme sind Voraussetzung für viele neue Tarife. Der Einbau ist gesetzlich vorgeschrieben und wird von den meisten Versorgern angeboten.
In der Praxis bleibt der Fortschritt gering. Laut Bundesnetzagentur sind erst 3,8 Prozent der Haushalte ausgestattet.
„Viele Stadtwerke sehen Smart Meter noch als Pflichtaufgabe“, sagt Prielipp. Diese Haltung könnte sich rächen. Technologische Entwicklungen erhöhen den Druck.
Regulierung bleibt Unsicherheitsfaktor
Die regulatorischen Anforderungen bleiben komplex. Sie treiben Innovationen, sorgen aber auch für Unsicherheit.
Ein Beispiel ist die Debatte um das Heizungsgesetz. Politische Änderungen erschweren Planungssicherheit. Besonders kleinere Stadtwerke sind davon betroffen.
Innovation Benchmark 2026: Große Anbieter dominieren
Im aktuellen Ranking liegt enviaM auf Platz eins. Platz zwei teilen sich enercity und die Stadtwerke Münster. Auf Rang drei folgen mehrere Versorger, darunter Stadtwerke Ulm, Leipziger Stadtwerke, Stadtwerke Düsseldorf, EnBW und E.ON.
Kleinere Stadtwerke finden sich überwiegend auf den hinteren Plätzen.
Für den Innovation Benchmark 2026 hat AXXCON das Angebot von 40 Energieversorgern analysiert. Grundlage sind Daten aus dem Jahr 2025. Die untersuchten Unternehmen erwirtschaften zusammen rund 250 Milliarden Euro Umsatz. Der gesamte Energiemarkt in Deutschland liegt bei etwa 541 Milliarden Euro jährlich.
