GY: Mehr als eine neue Plattform
Ein Stadtwerk mit jahrzehntelanger Eigenentwicklung zieht einen klaren Schlussstrich. Die Stadtwerke Schwäbisch Hall wechseln auf die neue Lösungsplattform GY von Wilken – und stellen damit ihr Dienstleistungsmodell grundlegend neu auf. Der Schritt zeigt, warum Plattformstrategien in der Energiewirtschaft mehr sein können als ein IT-Projekt. Und warum Regulierung, Fachkräftemangel und neue Geschäftsmodelle alte Gewissheiten infrage stellen.
Mit der neuen Lösungsplattform GY hat die Wilken Software Group auf der E-world einen strategischen Anspruch formuliert – deutlich über ein klassisches Produkt-Update hinaus. GY ist als strategisches Fundament gedacht sowohl technisch, organisatorisch als auch kulturell. Was zunächst abstrakt klang, bekommt nun ein konkretes Gesicht. Mit den Stadtwerke Schwäbisch Hall gewinnt Wilken einen Referenzkunden, der im deutschen Stadtwerkeumfeld eine Sonderrolle einnimmt.
Abschied von der Eigenentwicklung als strategische Entscheidung
Bereits Ende der 1990er-Jahre, mit der Öffnung der Strom- und Gasmärkte, haben die Stadtwerke Schwäbisch Hall begonnen, eine eigene IT-Lösung zu entwickeln. Ziel war es, Kunden auch außerhalb des eigenen Netzgebiets zu versorgen. Zu einer Zeit, als Standardlösungen dafür kaum geeignet waren. Über Jahre entstand so eine leistungsfähige Abrechnungslösung, die nicht nur den Eigenbetrieb trug, sondern zur Grundlage eines eigenständigen Dienstleistungsgeschäfts wurde. Die Software war schnell, leistungsfähig und über Jahre ein Wettbewerbsvorteil im Dienstleistungsgeschäft. Doch genau dieser Erfolg wurde zunehmend zur Belastung.
„In den letzten fünf, sechs Jahren sind eigentlich 90 Prozent plus unserer Arbeit nur noch Gesetzes- und Regulierungsthemen gewesen“, erläutert Matthias Knödler, Bereichsleiter Energiewirtschaft der Stadtwerke Schwäbisch Hall. Mit wachsendem regulatorischen Druck verschob sich der Charakter dieser Eigenentwicklung und band zunehmend Ressourcen. Anpassungen an neue gesetzliche Vorgaben, Marktkommunikation und steigende Umsetzungsgeschwindigkeit bestimmten immer stärker den Arbeitsalltag. Entwicklungsspielräume schrumpften, strategische Weiterentwicklung rückte in den Hintergrund.
Vor diesem Hintergrund stellte sich für die Stadtwerke Schwäbisch Hall weniger die Frage, ob die Eigenentwicklung noch funktionierte, sondern wie lange dieses Modell unter den veränderten Rahmenbedingungen tragfähig bleiben konnte. Gesucht war kein Ersatz für einzelne Funktionen, sondern ein System, das Standardisierung, Skalierbarkeit und Weiterentwicklung wieder ermöglicht – ohne die Organisation dauerhaft an regulatorische Detailarbeit zu binden.
Warum GY?
Die Entscheidung für Wilken fiel nach einer strukturierten Markterkundung. Dabei ging es weniger um einzelne Features als um Architekturfragen. Standardisierung, Automatisierung und Zukunftsfähigkeit waren die Leitplanken.
„Wir wollten nicht jetzt umsteigen und in fünf Jahren wieder vor derselben Situation stehen“, erläutert Thomas Deeg, Bereichsleiter bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall. „Uns ging es um ein System, mit dem wir die nächsten zehn Jahre arbeiten können.“
Genau hier setzt GY an. Die Plattform ist cloud-nativ konzipiert und versteht sich nicht als isoliertes Abrechnungssystem, sondern als umfassende Lösungsplattform mit Integrationsschicht für unterschiedliche Anwendungen und Services. Unterschiedlichste Funktionen sollen alle über einen zentralen Integration Layer zusammenspielen.
Für Wilken ist das ein bewusster Bruch mit klassischen ERP-Logiken. „Wir denken nicht mehr nur vom Zähler her, sondern in abrechenbaren Transaktionen“, erklärt Tobias Mann, Chief Customer Officer der Wilken Software Group. „Eine Transaktion kann ein Ladevorgang sein, eine Wärmelieferung oder auch eine vergütete Flexibilitätsleistung. Diese Abstraktion macht neue Geschäftsmodelle überhaupt erst technisch handhabbar.“
Plattform statt Produkt
Auf der E-world wurde deutlich, wie weit Wilken diesen Ansatz denkt. GY ist nicht als isoliertes Abrechnungssystem konzipiert, sondern als technisches Fundament einer umfassenden Plattformstrategie. Die bestehenden Produktlinien ENER:GY und NTS sind ebenfalls über einen zentralen Integration Layer zusammengeführt. Ziel ist es, unterschiedliche Anwendungen und Services nicht mehr punktuell zu verknüpfen, sondern strukturell zu integrieren.
Für Wilken-Kunden bedeutet das vor allem eines: weniger individuelle Schnittstellenprojekte. Statt komplexer Einzelanbindungen sollen zentrale Funktionen wie Billing, Marktkommunikation, Portale, Identitätsmanagement oder BI über die Plattform orchestriert werden. Der Integrationsaufwand verlagert sich damit vom einzelnen Versorgungsunternehmen hin zum Plattformbetreiber.
Wilken positioniert sich in diesem Zusammenhang bewusst als Generalunternehmer. Das Technologieunternehmen tritt dabei als zentraler Ansprechpartner auf – unabhängig davon, ob es um eigene Anwendungen, Partnerlösungen, KI-Funktionen oder den Betrieb geht. Das Prinzip „one face to the customer“ soll die Komplexität auf Kundenseite reduzieren und Verantwortlichkeiten klar bündeln.
Für viele Versorger, die heute mit historisch gewachsenen und fragmentierten Systemlandschaften arbeiten, ist das ein attraktives Versprechen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund knapper IT-Ressourcen und steigender Anforderungen an Betrieb, Sicherheit und Weiterentwicklung.
Schwäbisch Hall als Dienstleister
Dass die Stadtwerke Schwäbisch Hall diesen Weg einschlagen, deckt sich mit ihrer Rolle im Markt. Das Unternehmen erbringt unter anderem für die Lieferantenrolle Strom und Gas energiewirtschaftliche Dienstleistungen für viele Kunden. Andere Dienstleistungen, wie beispielsweise die für den Netzbetrieb, sind von dem Umstieg auf GY nicht betroffen.
Mit der neuen Plattform entsteht nun erstmals die Möglichkeit, das Lieferanten- Dienstleistungsmodell über die klassischen Sparten hinaus zu erweitern Ziel sei es, das Geschäft wieder skalierbar auszurichten und nach Jahren der Zurückhaltung auch im eigenen Vertrieb neue Spielräume zu gewinnen.
„Viele kleinere und mittlere Versorger können bestimmte Prozesse heute kaum noch selbst abbilden“, so Matthias Knödler. „Oft arbeiten dort ein oder zwei Fachkräfte an hochkomplexen Themen. Fällt jemand aus, entsteht sofort eine Lücke.“
KI als integrierter Baustein, nicht als Gimmick
Ein weiterer Baustein der Plattformstrategie ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Mit GY integriert Wilken KI-Funktionen direkt in die Anwendung. Ziel ist dabei eine spürbare Entlastung im operativen Alltag – etwa durch Wissensmanagement, kontextbezogene Hilfe und Prozessunterstützung.
„KI ist gerade ein riesiger Hype, aber man muss sie so einsetzen, dass sie einen echten Nutzen stiftet“, sagt Tobias Mann. Die Funktionen seien deshalb eng in die Anwendung eingebettet und nicht als separates Add-on gedacht.

Thomas Deeg ist Bereichsleiter bei den Stadtwerken Schwäbisch Hall.
Aus Sicht der Stadtwerke spielte KI bei der Entscheidung zwar keine zentrale Rolle. „KI war nicht der Treiber für die Entscheidung“, betont Thomas Deeg. „Aber sie wird künftig dort relevant, wo sie konkret hilft.“ Voraussetzung dafür sei eine zentrale Plattformarchitektur. Nur so lassen sich KI-Funktionen einheitlich ausrollen, aktuell halten und sinnvoll in bestehende Prozesse integrieren.
Ein Signal an den Markt
Der Schritt der Stadtwerke Schwäbisch Hall zeigt, wie stark sich die Anforderungen an energiewirtschaftliche IT insgesamt verändert haben. Regulierung, Marktkommunikation und Geschwindigkeit machen Systeme komplexer, auch dort, wo sie „nur“ angewendet und betrieben werden.
„Viele Versorgungsunternehmen haben einen hohen Bedarf nach Unterstützung. Ressourcen zu bündeln und auf standardisierte Plattformen mit verlässlicher Kostenstruktur zu setzen, ist kein Verlust an Kontrolle – sondern oft die Voraussetzung, um handlungsfähig zu bleiben“, ergänzt Tobias Mann von Wilken.



![]Auf der E-world energy and water präsentiert die Wilken Software Group erstmals die Wilken Lösungsplattform.](https://energie.blog/wp-content/uploads/2025/12/wilken-e-world-2025-pr-400x300.jpg)
